Mit den Augen des Anderen lesen: Die Faszination jüdischer Bibelauslegung

Eingetragen bei: Bibel & Spiritualität | 0
Original-Artikel als PDF herunterladen
Was mich in sechs Jahren Leben und Arbeit in Israel am nachhaltigsten geprägt hat, ist ein neuer Blick für biblische Texte. Ein Blick, der sich verändert hat durch die Begegnung mit dem jüdischen Glauben und Leben und durch das gemeinsame Bibellesen mit jüdischen Kollegen und Freunden.

Wenn man sich einmal klarmacht, dass nicht nur die «jüdische Bibel», also unser Altes Testament, sondern auch unser Neues Testament von Juden geschrieben wurde (über einzelne Ausnahmen streiten sich die Gelehrten), dann sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass wir als Christen unsere jüdischen Nachbarn um Nachbarschaftshilfe beim Bibellesen bitten. Denn wer sonst könnte uns besser helfen, in die Welt der Bibel, ihr Denken, ihre Sprache, ihre Kultur und ihren Glauben einzusteigen und das zu verstehen, was nicht immer in den Zeilen, sondern oft auch zwischen den Zeilen steht?

1. Die Welt der Sprache

Es beginnt schon bei der Sprache: Sprache ist bekanntlich einer der wichtigsten Schlüssel zu unseren Herzen. Und das ist auch bei der Bibel so. Deshalb lernen viele Bibelausleger in ihrer Ausbildung zunächst einmal Griechisch und Hebräisch, um biblische Texte übersetzen zu können. Ich habe aber während meiner Zeit in Jerusalem gelernt, dass es einen grossen Unterschied macht, ob man eine Sprache nur übersetzen kann oder ob man in ihr zu Hause ist und lebt. Viele verborgene Nuancen einer Sprache werden erst dann lebendig, wenn man sie täglich im Alltag verwendet.  Etwa das kleine Wörtchen «Schalom», das sowohl den Weltfrieden als auch ein freundliches «Hallo» bezeichnet, das aber auch verwendet wird, wenn man etwa im Restaurant eine Rechnung «begleicht»: Ein Wort also, das Vollständigkeit, Ganzheit, und ein umfassendes Wohlergehen bezeichnet: Alle offenen Rechnungen sind bezahlt, alles «stimmt so», es ist Friede.

Ein anderes Beispiel: Nachdem ich auf den Strassen und Spielplätzen von Jerusalem immer wieder das Wörtchen «Abba» aus Kindermündern gehört habe, die fröhlich nach ihren Vätern riefen, hat es für mich einerseits seinen heiligen Klang verloren, andererseits ist es gerade deshalb ein noch deutlicheres Bild für die Natürlichkeit und Innigkeit meiner Beziehung zu Gott geworden, die das Neue Testament in diesem Wort zusammenfasst (Markus 14,36; Römer 8,15; Galater 4,6).

Im Judentum gibt es eine mehr als 2000 Jahre lange Tradition der hebräischen Bibelauslegung, die auch in europäischen und orientalischen Synagogen und Lehrhäusern gepflegt wurde. Während die christliche Bibelauslegung über lange Jahrhunderte nur lateinische und griechische Bibeltexte gelesen hat, haben jüdische Rabbinen stets mit den Worten des hebräischen Originals gespielt, gerungen und gearbeitet. Und jüdische Gläubige haben Tag für Tag und Sabbat für Sabbat in hebräischer Sprache gebetet und gesungen. Das schafft eine Vertrautheit mit dem Wort, die wir Christen nicht in gleicher Weise haben.

Dr. Yuval Lapide, ein jüdischer Bibelexeget und grosser Brückenbauer im jüdisch-christlichen Dialog, sagt: «Wir Juden haben, seitdem wir die Tora auslegen, gelernt, mit dem Wort zu leben. Das Wort ist bei uns so fulminant tief: Die grossen Ausleger des Mittelalters haben uns gelehrt, in die Tiefe des Wortes hineinzugehen, in alle Facetten des Wortes hinein, in seine Verbindungen und Verknüpfungen mit anderen Worten, so dass ein Christ davon viel profitieren kann. Durch die Jahrhunderte lange Entzweiung von Juden und Christen, in der Christen sich abgekapselt haben von den Juden, haben Christen es oft nicht gelernt, mit dem Wort so intensiv und intim zu leben wie wir Juden es können, weil uns unsere grossen Lehrer eben einen solchen Schatz an Weisheit hinterlegt haben. Ich treffe immer wieder Christen, die sich reiben an Texten im Ersten oder auch im Zweiten Testament, weil sie das jüdische Denken, die hebräische Idiomatik, die hebräischen Wortbilder nicht kennen. Gerade an solchen schwierigen Stellen täte es Christen gut, uns Juden zu fragen: Wie lest ihr das? Wie versteht ihr das?»

In der Tat haben die jüdischen Rabbinen eine beeindruckende Freude daran, Worte zu drehen und zu wenden, um aus ihnen Nuancen zu lesen, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind: So kann man etwa aus dem hebräischen Namen der Stadt Jerusalem (Jeruschalajim) herauslesen, dass es diese Stadt zweimal gibt. Denn alles, was auf -ajim endet, gibt es zweimal: Die Augen (enajim), die Ohren (osnajim), und sogar den Himmel (schamajim). Schon aus dem Namen lesen die Rabbinen daher, dass es neben dem irdischen Jerusalem noch ein himmlisches gibt. Und das wird ja auch im Neuen Testament bestätigt. Ein anderes Beispiel: In 2. Mose 32,16 lesen wir, dass die Gesetze Gottes auf den Steintafeln am Berg Sinai «eingegraben» (charut) waren. Auch hier entdecken die Rabbinen eine versteckte Botschaft: Denn weil es im Hebräischen keine Vokale gibt, kann man hier auch das Wort «Freiheit» (cherut) lesen. Darin sehen die Ausleger einen biblischen Beleg dafür, dass die Gesetze der Tora nicht dazu da sind, uns einzuengen, sondern uns die Freiheit zu bringen (Midrasch Schemot Rabba 41).

Wie Yuval Lapide richtig bemerkt, sind solche sprachlichen Nuancen aber nicht nur im «Ersten» (Alten) Testament, sondern auch im «Zweiten» (Neuen) zu finden. Das ist zwar auf Griechisch geschrieben, es bewahrt aber sehr oft noch die Eigenheiten hebräischer Sprache und hebräischen Denkens: Wie viele schlaue geistliche Auslegungen etwa des Bildes vom «bösen Auge», das den ganzen Mensch verfinstert (Matthäus 6,23), hatte ich schon gehört, bis ich gelernt habe, dass es sich hier um eine einfache hebräische Redewendung für Geiz handelt (Luther übersetzte sie in Matthäus 20,15 mit «was siehst du scheel drein»?). Auch die Anspielung in Matthäus 1,21 macht nur in der hebräischen Sprache Sinn: Denn der Name «Jesus» (jeshua) bedeutet «Rettung» oder «Gott rettet». Ebenso wird die Brisanz eines Wortes Jesu in Markus 12,10 erst vor dem Hintergrund der hebräischen Sprache deutlich: Denn der «Stein» (ha-eben), von dem hier die Rede ist, ist «der Sohn» (ha-ben) aus dem Gleichnis, das direkt davor steht. Und wenn wir zu Paulus vordringen, dann verstehen wir nur dann richtig, was er mit dem zentralen Wort «Gesetz» meint, wenn wir es im hebräischen Sinn von «Tora» verstehen: Also als Erzählung, Weisung, Gesetz, Geschichte, Buch und vieles mehr, was jüdische Ohren im Klang dieses Wortes hören. Und wir verstehen, dass «Evangelium» eben nicht das Gegenteil von Gesetz ist, sondern das eigentliche Wesen des Gesetzes, der Tora.

2. Die Theologie des Kalenders

Samson Raphael Hirsch, ein bedeutender jüdischer Gelehrter des 19. Jahrhunderts, sagte einmal: «Der Katechismus der Juden ist ihr Kalender.» Mit anderen Worten: Während in der christlichen Welt viele zentrale Glaubensinhalte in Büchern und Dogmen formuliert sind, sind sie im Judentum eher in praktischen Lebensvollzügen verankert. Vor allem aber in der regelmässigen Wiederkehr von Festen, Feiertagen und Ritualen. Im Feiern erschliesst sich der Inhalt des Glaubens. Das finden wir auch bei Jesus: Christliche Bibelleser vermissen bei Jesus manchmal kernige theologische Aussagen, wie sie etwa in den Briefen des Paulus zu finden sind. Manche Kritiker unterstellen Jesus sogar, er hätte gar keine Theologie gehabt, und erst Paulus hätte sich diese ausgedacht. Aber wer die Evangelien mit jüdischen Augen liest, der entdeckt, dass Jesus seine Theologie ganz bewusst in das Gewand der jüdischen Feste kleidet, um damit die entscheidenden Aussagen über sich selbst zu machen: So spricht er ausgerechnet an einem Sabbat davon, dass die wahre Ruhe nur bei ihm zu finden ist (Matthäus 11,28 – 12,1). Denn in der jüdischen Tradition ist der Sabbat nicht in erster Linie ein Tag der Verbote, sondern ein Vorgeschmack auf die ewige Ruhe der kommenden Zeit des Messias. Am höchsten Tag des Laubhüttenfestes lädt er mitten im Tempel dazu ein, bei ihm das Wasser des Lebens zu trinken (Johannes 7,37-39). Auch dieses Fest ist ein Ausblick auf die Zeit des Messias, und zu den Höhepunkten der Feierlichkeiten gehörte die Zeremonie des Wasserschöpfens, mit der jedes Jahr daran erinnert wurde, dass eines Tages im Tempel von Jerusalem eine Quelle des ewigen Lebens entspringen würde. Über die Bedeutung seines Todes schliesslich brauchte Jesus ebenfalls nicht viele Worte zu machen: Das Passafest als Fest der Erlösung gab diesem Tod seine tiefere Bedeutung, und einige wenige Worte während der jüdischen Passa-Feier am Vorabend reichten aus, um dies deutlich zu machen. An vielen weiteren Stellen der Evangelien finden sich solche Bezüge zu jüdischen Festen, Bräuchen und Feiertagen, durch die Worte Jesu oft erst ihren tieferen Sinn erhalten. Für christliche Leser sind sie oft nur schwer erkennbar, weil wir nicht vertraut mit ihnen sind. Ich habe aber immer wieder erlebt, wie meine jüdischen Kollegen solche Hinweise ganz selbstverständlich erkannt haben. Mir haben sie dadurch geholfen, tiefer zu blicken.

3. Die Vielfalt der Auslegungen

«70 Gesichter hat die Torah», so lautet ein altes Sprichwort der Rabbinen. Und es verdeutlicht einen Zug der jüdischen Bibelauslegung, der mir sympathisch ist: Während wir als Christen manchmal bis aufs Blut über die eine, richtige Auslegung einer Bibelstelle streiten, scheint es in der jüdischen Auslegung mehr darum zu gehen, den Reichtum und die Vielfalt biblischer Worte zu ergründen, indem man viele unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten nebeneinander stellt und auch stehen lässt. Im jüdischen Talmud heisst es einmal: «Ist nicht mein Wort wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt (Jeremia 23,29)? So wie der Felsen in viele Teile zersplittert, so kann ein Bibelvers viele verschiedene Aussagen enthalten.» (Talmud Sanhedrin 34a). In dem oben genannten Beispiel von der «Freiheit der Tora» etwa gibt es ganz unterschiedliche Erklärungen dafür, warum die Tora Freiheit bringt. Ein Ausleger sagt: «Die Tora befreit vom Tod», weil sie den Weg zum ewigen Leben weist. Ein anderer sagt: «Sie befreit von Leiden.» Wieder ein anderer sagt: «Wer Gottes Vorschriften folgt, wird dadurch frei von den Vorschriften anderer Menschen.» Wieder andere schlagen weitere Auslegungen vor. Und sie alle sind gültig. Es wird erzählt, dass sich die beiden Schulen der grossen Lehrer Hillel und Schammai einmal lange über die richtige Auslegung einer Tora-Stelle stritten, bis plötzlich eine Stimme vom Himmel ertönte: «Sowohl diese als auch jene Auslegung ist ein Wort des lebendigen Gottes» (Talmud Eruvin 13b). Eine andere Tradition erzählt, das im Himmel nicht Rabbi Akiba bei Moses, sondern Moses bei Rabbi Akiba die Schulbank drückt (Talmud Menachot 29b). Mit anderen Worten: Der Ausleger kann mehr in einem Bibeltext entdecken, als der ursprüngliche Autor hineingelegt hat. Wie ein guter Wein, entfaltet sie ihren Geschmack und Reichtum erst mit der Zeit. Wir sind eingeladen, zu forschen, zu studieren und jedes Wort zu wenden, um diesen Reichtum weiter zu ergründen und die Schätze zu heben, die in ihm verborgen liegen (Matthäus 13,51-52).

Chevruta – Partnerschaft im Lernen

In der jüdischen Tradition ist es üblich, in einer «Chevruta» zu lernen. In einer Partnerschaft, mit einem Gegenüber oder in einer kleinen Gruppe. Vier Augen sehen eben besser als zwei. Und noch plastischer wird das Bild, wenn diese Augen aus unterschiedlichen Perspektiven schauen. Aber wo findet man Gesprächspartner, die einem diese andere Perspektive vermitteln? Ideal ist natürlich das direkte persönliche Gespräch, wie es oft in Synagogen oder in Gesprächskreisen für christlich-jüdische Begegnung angeboten wird. Aber auch Bücher können helfen: Im Blick auf das «Alte Testament» hat der Schweizer Rabbiner Roland Gradwohl eine reichhaltige Sammlung jüdischer Bibelauslegungen zusammengestellt. Im Blick auf das Neue Testament bieten die Bücher der jüdischen Autoren David Flusser, Schalom ben Chorin und Pinchas Lapide interessante Einsichten, auch wenn sie schon etwas älter sind. Sehr aktuell ist eine von jüdischen Wissenschaftlern herausgegebene kommentierte Ausgabe des Neuen Testaments («The Jewish Annotated New Testament»), die allerdings leider bisher nur auf Englisch erhältlich ist. Ganz neue Möglichkeiten bietet aber die digitale Welt: So sind fast alle klassischen Texte des rabbinischen Judentums mittlerweile frei im Internet zugänglich, und unter der Adresse www.bibelentdeckungen.de habe ich versucht, einige davon zu sammeln. Diese Originaltexte sind aber ohne Erklärungen nicht immer leicht zu verstehen. Schneller und einfacher ist daher heutzutage der Blick auf jüdische Webseiten im Internet: Wenn immer ich eine Predigt oder eine Bibelarbeit zu einem Bibeltext oder Thema vorbereite, recherchiere ich auf solchen Seiten, was jüdische Rabbiner und Lehrer zu diesem Thema zu sagen haben, welche Texte aus Bibel und Talmud für die jüdische Tradition in dieser Frage wichtig sind und welche Antworten dazu gegeben werden. Manchmal entdecke ich viel Gemeinsames, manchmal auch grosse Unterschiede. Aber immer lerne ich etwas.

Und vor allem entdecke ich immer wieder, wie sehr mein Denken über Juden (und wenn es um neutestamentliche Texte geht über Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrte) geprägt ist durch Missverständnisse, Zerrbilder und Vorurteile, die sich aus einer langen Geschichte der Judenfeindschaft nähren. Früher konnten sich solche Missverständnisse halten, weil es kaum Berührungspunkte zwischen Juden und Christen gab, und weil fast alle Bücher über die Juden des Neuen Testaments ausschliesslich von Christen geschrieben wurden. Das hat sich heute geändert: Wir können uns begegnen, wir können uns informieren, wir können lernen, mit den Augen des anderen zu sehen. Und diese neue, andere Sicht kann unseren eigenen Glauben überraschend und bereichernd vertiefen und erweitern. Vielleicht ist der 70. Geburtstag des Staates Israel ja ein passender Anlass, sich neu und gemeinsam auf die Suche zu machen nach den «70 Gesichtern der Tora».

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in: „Amen“-Magazin Sommerausgabe 2018, S. 52-55. Der Original-Artikel kann hier heruntergeladen werden.)

Hinterlasse einen Kommentar