Widersprüche in der Bibel (Teil 2)

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Im vorherigen Artikel der Reihe (Widersprüche in der Bibel, Teil 1) habe ich einige Beispiele genannt, wie sich vermeintliche „Widersprüche“ in der Bibel aufklären lassen, wenn wir uns etwas Mühe geben. Entweder haben wir unsere Bibel falsch gelesen, oder falsch verstanden, oder wichtige Details übersehen. Es lohnt sich also, sich auf die Suche zu machen, ob es plausible Erklärungen gibt. Aber was, wenn alles Forschen keine befriedigenden Antworten bringt? Meiner Erfahrung nach gibt es nämlich tatsächlich Widersprüche in der Bibel, die sich nicht so einfach „wegerklären“ lassen. Und die schwerwiegendsten gehören gerade in diese Kategorie.

Die Katze aus dem Sack

Werden wir also gleich am Anfang einmal ehrlich: Jeder von uns, ganz egal wie bibeltreu wir sind, wird zugeben, dass in der Bibel auch Falsches und Widersprüchliches steht. Die Frage ist nur: Warum steht es darin und welche Rolle spielt es im größeren Kontext der Gesamtaussage? Um das deutlich zu machen, hilft vielleicht ein banales, aber krasses Beispiel. In meiner Bibel, in Psalm 14,1, steht der Satz „Es gibt keinen Gott.“ Das widerspricht auf den ersten Blick allem, was sonst so in der Bibel steht. Ein Widerspruch in der Bibel? Nur, wenn wir ihn nicht in seinem größeren Kontext lesen. Dieser ist – in diesem Fall – nur einen halben Vers weit entfernt. Denn der vollständige Vers lautet: „Die Toren sprechen in ihren Herzen: Es gibt keinen Gott!“ So gelesen, ergibt selbst die falsche Aussage „Es gibt keinen Gott“ in der Bibel Sinn, obwohl sie der zentralen Botschaft der Schrift entgegen steht. Diese Beobachtung gilt nun aber auch für größere Zusammenhänge. Vieles, was in der Bibel steht, ist – für sich gesehen – falsch und widersprüchlich. Im Buch Hiob zum Beispiel lesen wir kapitelweise kluge Ratschläge von Hiobs Freunden. Nur um dann am Ende zu erfahren, dass sie aus Gottes Sicht alle falsch sind (Hiob 42,7). Sogar Lügen des Teufels stehen in der Bibel. Ist es deswegen der Heilige Geist, der lügt, unsinnige Ratschläge erteilt, oder die Existenz Gottes leugnet? Nein. Ist es der Heilige Geist, der dafür gesorgt hat, dass diese Lügen, unsinnigen Ratschläge und Irrtümer in der Bibel ihren Platz haben? Ja. „Die ganze Schrift ist von Gottes Geist eingehaucht“ (1. Tim 3,16) – das heißt nicht, dass jedes einzelne Wort in der Bibel wahr ist, unabhängig von dem Zusammenhang, in dem es steht. Aber es heißt, dass „die ganze Schrift“, also die Schrift in ihrer Gesamtheit, wahr ist. Deshalb haben tatsächlich auch Widersprüche ihren Platz in der Bibel. Es lohnt sich aber, genauer hinzusehen, was das für Widersprüche sind:

1. Widersprüche, die durch Abschreiben entstanden

Selbst Menschen, die von der Fehlerlosigkeit der Bibel überzeugt sind, räumen ein, dass es im Prozess des Abschreibens tatsächlich den einen oder anderen Fehler gab. Der Bibeltext, den wir heute vorliegen haben, ist dann also auch nach dieser Sichtweise nicht fehlerlos und schon gar nicht unsere deutschen Übersetzungen. Ohne Makel ist dann nur der ursprüngliche Bibeltext, der an manchen Stellen aber nicht mehr fehlerlos erhalten ist. Viele Forscher erklären deshalb auch ganz offensichtliche Widersprüche in Zahlen und Fakten durch Abschreibefehler, Übersetzungsfehler oder unsere mangelnde Kenntnis antiker und orientalischer Zahlensysteme: Etwa die Größe eines Heeres (2 Sam 24,9 und 1 Chr 21,5), das Alter eines Königs (2 Kön 8,26 und 2 Chr 22,2; 2 Kön 24,8 und 2 Chr. 36,9), oder die Größe des Wasserbeckens im Tempel (1 Kön 7,26 und 2 Chr 4,5).

2. Widersprüche im Wortlaut, aber nicht in der Sache

Hier kommen wir jetzt in einen spannenden Grenzbereich. Denn in der Tat gibt es in der Bibel viele widersprüchliche Aussagen, die aber der Sache nach für die Verteidiger der Bibel eigentlich keinen „echten“ Widerspruch, sondern nur einen „scheinbaren Widerspruch“ darstellen. Dazu gehören etwa ungefähre, gerundete oder symbolische Zahlenangaben. Hier kann aber auch der Hauptmann von Kafarnaum genannt werden, der sich bei Matthäus (Mt 8,5) persönlich an Jesus wendet, während er bei Lukas (Lk 7,3.6) seine Boten schickt. Kein Widerspruch, wenn man dieser Linie folgt, denn der Sache nach sind die Boten gleichbedeutend mit der Person, die sie sendet.

Viele Jesusworte sind zwar in ihrer Aussage in den verschiedenen Evangelien identisch wiedergegeben, im Wortlaut aber unterschiedlich. Ähnlich sieht es bei der Darstellung von Ereignissen in den Evangelien aus. Da lassen sich Unterschiede entdecken. Gerne wird hier auf Zeugen verwiesen, die einen Verkehrsunfall zwar im Einzelfall unterschiedlich und auch widersprüchlich wahrgenommen haben, aber wenn man die einzelnen Aussagen zusammensetzt, kann man den Ablauf der Ereignisse herleiten (wenn auch nicht in allen Details), der damit umso zuverlässiger bestätigt wird. Selbst Menschen, die an der Fehlerlosigkeit der Bibel festhalten, erklären solche Widersprüche damit, dass die Verfasser der Bibel Sachverhalte „ungefähr“ oder „inhaltlich richtig“ zusammengefasst haben, auch wenn sie nicht im wortwörtlichen Sinn zutreffen (zum Beispiel der genaue Wortlaut der Kreuzesinschrift oder der genaue Wortwechsel im Prozess Jesu). Das scheint auf den ersten Blick Wortklauberei zu sein, in Wirklichkeit steckt hier aber ganz wichtige und tiefe Erkenntnis für unseren Umgang mit der Bibel: Das bedeutet nämlich, dass die biblischen Autoren, auch wenn sie vom Heiligen Geist inspiriert waren, die Freiheit hatten (und sie sich auch nahmen), Ereignisse oder Formulierungen selbstständig mit einem gewissen Spielraum zu formulieren – solange sie dabei der Sache nach wahrheitsgemäß blieben. „Bibeltreue“ und „bibelkritische“ Ausleger sind also an dieser Stelle gar nicht grundsätzlich unterschiedlicher Meinung: Umstritten ist nur das Ausmaß, in dem die biblischen Schreiber ihre schriftstellerische Freiheit nutzten und wie dehnbar das Wort „ungefähr“ ist. In dieser Frage gehen die Meinungen dann allerdings tatsächlich sehr weit auseinander.

3. Widersprüche, die sich nur schwer zurechtbiegen lassen

Für mich gehört aber zum ehrlichen Bibellesen die Einsicht hinzu, dass es dort auch echte sachliche Widersprüche gibt, die sich nicht durch schriftstellerische Freiheit und auch nicht durch Hintergrundrecherche wegerklären lassen. Wie reagiert man beispielsweise darauf, dass Josef, der Vater von Jesus, nach den Angaben von Lk 3,23 (Eli) und Mt 1,16 (Jakob) zwei unterschiedliche Väter hatte, und damit verbunden zwei weithin unterschiedliche Stammbäume? Erklärungen für diesen Widerspruch sind mühevoll: So wird Eli häufig kurzerhand zum „Schwiegervater“ des Josef erklärt, obwohl es doch im Griechischen ganz eindeutige Vokabeln für „Schwiegersohn“ und „Schwiegervater“ gibt. Eine etwas kompliziertere Lösung schlug schon der Kirchenvater Eusebius vor: Demnach war Eli zunächst kinderlos verstorben, sein Bruder Jakob heiratete dann die Witwe, so dass Josef zwar der leibliche Sohn von Jakob, aber der juristische Sohn von Eli war. Möglich ist das zwar, aber es klingt eher nach einem etwas gezwungenen Versuch, einen Widerspruch nachträglich wegzuerklären. Die Bibel selbst jedenfalls sagt nichts davon.

Ähnlich ist es mit dem Widerspruch zwischen Mt 23,35 und 2 Chr 24,20: Bei Matthäus nimmt Jesus Bezug auf die Ermordung Sacharjas zwischen Tempelhaus und Brandaltar. Von diesem Sachverhalt lesen wir auch im zweiten Buch der Chronik. Doch der Vater des dort erwähnten Sacharja heißt nicht Berechja (wie bei Mt behauptet), sondern Jojada. Es liegt nahe, dass hier ein Sacharja (2 Chr 24,20) mit einem anderen (Sach 1,1) verwechselt wurde. Aber es gibt auch hier mutige Erklärungsversuche: Etwa, dass der Sacharja aus 2 Chr 24,20 einen unehelichen Vater namens Berechja gehabt haben könnte (der aber im Text nicht erwähnt wird). Oder dass auch der Sacharja aus Sach 1,1, genauso wie sein Namensvetter, gewaltsam auf den Stufen zum Tempel ermordet wurde (aber davon sagt die Bibel nichts). Ich halte solche erzwungenen Erklärungsversuche, die keinen Anhalt im biblischen Text haben, aber eher für unglaubwürdig – und vor allem auch für unnötig. Sie sind nur dann notwendig, wenn wir davon ausgehen, dass die Freiheit, die der Heilige Geist den Verfassern der Bibel ließ (siehe Punkt 2), nicht auch die Freiheit mit sich brachte, solche Fehler zu machen. Die Wahrheit dessen, was die Texte aussagen wollen, wird dadurch nicht beschädigt. Was mich persönlich in der Vorbereitung dieses Artikels viel mehr erstaunt und fasziniert hat: Solche nachweislich „echten“ Widersprüche findet man in der Bibel nur sehr wenige, selbst wenn man sich große Mühe gibt. Für ein Buch, das über Jahrhunderte von unterschiedlichsten Verfassern geschrieben und zusammengestellt wurde, ist das das eigentliche Wunder: Nicht, dass es ein paar echte Widersprüche und nachweisliche Fehler gibt, sondern dass es so erstaunlich wenige sind.

4. Widersprüche, die bis ans Herz der Bibel reichen

Alle Widersprüche der Bibel gewaltsam wegerklären zu wollen, ergibt aber für mich vor allem deshalb keinen Sinn, weil die allertiefsten Unvereinbarkeiten dennoch bestehen bleiben. Gerade die, die wirklich existenziell sind. Etwa die Beobachtung, dass der Gott, der jeden Menschen liebt, trotzdem den Befehl gibt, ganze Städte mit Mann und Maus, Frauen und Kindern auszurotten. Oder dass der Gott, der will, dass alle gerettet werden, es trotzdem zulässt, dass so viele verlorengehen. Dass Jesus ein Mensch war, und zugleich Gott selbst bei den Menschen. Die Liste könnte noch lange fortgeführt werden. Ich muss mir keine Mühe machen, Einzelheiten in Zahlen- und Datenangaben oder historische Details mühsam miteinander in Einklang zu bringen, solange diese großen Widersprüche ungeklärt bleiben. Und das bleiben sie, vermutlich bis wir eines Tages vor Gott stehen und ihn selbst nach Antworten fragen können.

Vielleicht hat Gott solche Widersprüche aber ja mit voller Absicht in der Bibel belassen. So, wie er auch befohlen hat, einen Vorhang vor das Allerheiligste im Tempel zu hängen: Das innerste Wesen Gottes ist eben unserem Blick und Zugriff entzogen. Am Ende des Tages können wir Gott weder in die Karten schauen, noch hat er es nötig, dass wir uns ritterlich vor ihn stellen, um ihn gegen jeden Angriff zu verteidigen. Gott hält es aus, dass wir ihn angreifen und dass wir ihm widersprechen. Er selbst hat sich angreifbar gemacht, als er für uns ans Kreuz ging. Und er hat dort am Kreuz die ganze Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit dieser Welt getragen. Er ist kein Gott der glatten Antworten und der schlüssigen Erklärungen. Er möchte Vertrauen, nicht Beweise.

Widersprüche ertragen lernen

Mir scheint daher, dass es der weisere Weg ist, mit den offenen Fragen und auch Widersprüchen der Bibel leben zu lernen als sie unter allen Umständen wegerklären zu wollen. Sich einzugestehen, dass Gott zu uns redet durch eben diese Bibel, so wie sie ist: In all ihrer Widersprüchlichkeit und doch auch in der erstaunlichen Einstimmigkeit, die aus aller Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Stimmen so klar herausklingt.

Wenn wir daher beim Lesen der Bibel, sei es allein oder im Hauskreis, auf Widersprüche stoßen, dann schlage ich vor, erst mal entspannt zu bleiben. Das ist nicht schlimm, es ist vielleicht sogar eine wertvolle Erfahrung. Aber dann lohnt es sich, weiterzufragen: Haben wir vielleicht etwas übersehen? Etwas falsch verstanden? Den Zusammenhang nicht beachtet? Gibt es Informationen über die Zeit, Kultur und Umwelt der Bibel, die uns helfen können, Widersprüche auszuräumen? Vielleicht stoßen wir auf gute Erklärungen und machen wertvolle Entdeckungen. Aber vielleicht kommen wir auch an einen Punkt, wo wir auch einmal Schwäche zulassen müssen: Weil die Widersprüche bestehen bleiben. Weil wir keine logischen Erklärungen finden und bohrende Fragen auch mal aushalten müssen. Weil wir zugeben müssen, dass die Bibel nicht wasserdicht, aber doch vertrauenswürdig ist.

Und vielleicht ist es dann Zeit, entweder gemeinsam die gemachten Entdeckungen und Erklärungen zu feiern oder die offenen Fragen vertrauensvoll vor Gott zu tragen. Oder beides gleichzeitig.

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in: Hauskreis-Magazin 47/2018, S. 52-55. Der Original-Artikel kann hier heruntergeladen werden.)

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