Christus-Treff Marburg: Frieden schaffen im Senfkorn-Format

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Welchen Beitrag leisten Marburger Religionsgemeinschaften zum Frieden? Die Frage ist ehrgeizig gestellt angesichts der immensen Zahl von Kriegen und bewaffneten Konflikten weltweit, ganz abgesehen von den Herausforderungen des sozialen Friedens und der Frage nach dem Frieden in Familien, Häusern und Herzen in unserer Stadt.

Gemessen an dieser globalen Herausforderung ist der Christus-Treff eine relativ kleine Gruppe: Wir sind Menschen aus verschiedenen Kirchen, Freikirchen und Konfessionen, die sich um eine gemeinsame Mitte treffen: Christus. Und wir laden dazu ein, in dieser Mitte nicht nur andere Christen, sondern auch Christus selbst zu treffen. Wir sind also keine eigene Religionsgemeinschaft, auch keine eigene Kirche, sondern wir sehen uns als ein lebendiger Teil der Kirchen, aus denen wir kommen und zu denen wir gehören. Schon in dieser Vielfalt der Konfessionen liegt vielleicht ein erster bescheidener Beitrag zu Frieden und Versöhnung – wenigstens unter den immer noch getrennten christlichen Kirchen und Konfessionen.

Den Christus-Treff gibt es nur in Marburg, dennoch versuchen wir, überregional und auch global zu denken und zu handeln. In Berlin gibt es eine Gemeinde gleichen Namens, die von ehemaligen Mitgliedern aus Marburg initiiert und gegründet wurde und mit der wir eng verbunden sind. Und auch in Jerusalem betreiben wir ein kleines Begegnungszentrum, den Christus-Treff Jerusalem. Zu unseren verschiedenen Gottesdiensten und Veranstaltungen in Marburg kommen pro Woche etwa 300 bis 500 Menschen – was kann eine so kleine lokale Gruppe also zum großen Projekt des Friedens in der Welt beitragen?

Die Hoffnung, die uns antreibt, finden wir als Christen bei Jesus: Er sprach vom Glauben, der nur so groß sein kann wie ein Senfkorn und dennoch Großes bewegen kann. Die Geschichte von Jesus selbst beginnt klein und unscheinbar: Ein wehrloses Kind liegt in einer Krippe, aber die Engel im Himmel verkünden: „Frieden auf Erden den Menschen, weil Gott sich ihnen nun wohlwollend zuwendet!“ (Lukas  2,14). Die Menschen, die Jesus begegneten, fanden in diesen Begegnungen Frieden und Heilung (Lukas 2,29; 7,50; 8,48; 24,36). In seiner berühmten „Missionsrede“ beauftragte Jesus seine Jünger, Frieden in die Häuser ihrer Städte zu bringen (Lukas 10,5). Und Paulus schreibt in seinem berühmten Römerbrief, in dem er die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben erklärt, abschließend: „Weil wir aber durch Glauben gerechtfertigt werden, haben wir nun Frieden mit Gott“ (Röm 5,1). Aber auch der Friede zwischen Menschen, die sich einst als Feinde gegenüber standen, wie etwa der Friede zwischen Juden und Nichtjuden, wird durch Jesus ermöglicht (Eph 2,14).

Wenn Jesus und die ersten Christen vom Frieden reden, dann gründen sie sich auf die Heiligen Schriften des jüdischen Volkes, unser „Altes Testament“. Für sie ist deshalb klar: Friede (hebräisch Schalom) ist ein multidimensionales Geschehen. Es bedeutet, dass alles Zerbrochene heil, alles Unvollständige vervollständigt, alles Vorläufige vollendet wird. Friede ist eine umfassende Wiederherstellung der Welt, so wie sie von Gott gemeint war. Das schließt die Beziehung des Menschen zu Gott, aber auch die Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen, seinen Feinden, zu sich selbst und zu seiner Umwelt ein. In einem Wort des Propheten Jesaja, das wir oft in Weihnachtsgottesdiensten hören, wird die Geburt eines „Friedefürsten“ angekündigt, der das Versprechen mit sich bringt, dass jedes bedrückende Joch, jeder Soldatenstiefel und jeder blutbefleckte Mantel aus der Welt verschwinden wird. (Jesaja 9,1-6). Zusammen mit dem jüdischen Volk hoffen wir als Christen auf eine Erfüllung dieses Versprechens, die noch aussteht.

Weil wir aber von Jesus berührt sind und uns von ihm prägen lassen wollen, versuchen wir als Christen schon jetzt kleine Schritte auf dieses große Ziel hin zu gehen. Bei Jesus sehen wir, dass eine Veränderung der Welt immer mit einer Veränderung der Herzen beginnt, und das spornt uns an, in den verschiedenen Bereichen unseres Alltags zum Frieden und zur Versöhnung beizutragen. Wir sind überzeugt, dass auch ganz kleine Schritte des Friedens nicht nur das Leben einzelner Menschen, sondern auch das Antlitz einer Stadt verändern können. Und dass wir zusammen mit anderen Menschen, die den Frieden suchen, auch einen bleibenden Wandel in der Welt bewirken können.

Natürlich können wir als christliche Gemeinde die großen Kriege und Krisen der Welt nicht unmittelbar beeinflussen, ebenso wenig wie die Entscheidungen von Regierungen. Aber wir können damit beginnen, uns als Christen gegenseitig an unsere politische Verantwortung zu erinnern, unser Wahlrecht wahrzunehmen und politische Informations- und Aufklärungsarbeit leisten, was in Gesprächsabenden und Initiativen geschieht. Wir können in Gottesdiensten und Gebets­veranstaltungen über globale Krisen- und Kriegsgebiete informieren und diese in der Fürbitte vor Gott bringen. Wir können durch Kollekten und Spenden, aber auch persönliche Teilnahme an Hilfseinsätzen, den Opfern von Krieg und Gewalt in anderen Regionen der Welt helfen. Und wir können uns denen zuwenden, die als Opfer des Krieges in unser Land und in unsere Stadt kommen. Und das alles geschieht, zum Teil im Christus-Treff selbst, zum Teil dadurch, dass sich einzelne Mitglieder des Christus-Treff in Initiativen, Projekten, politischen Parteien und diakonischen Einrichtungen engagieren.

Beispielhaft möchte ich einige Arbeitsfelder des Christus-Treffs nennen, in denen solche „Senfkorn-Schritte“ des Friedens gegangen werden. So begegnen sich etwa im „CenTral“, dem Christus-Treff Richtsberg, seit vielen Jahren Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, Religionen und auch sozialen Hintergründen. Johnny Nimmo, Leiter des CT Richtsberg, erzählt:

„Unser Wunsch ist, dass durch das CenTral die christliche Botschaft der Versöhnung bekannt und erfahrbar wird. Frieden mit Menschen und Frieden mit Gott durch Jesus ist für uns viel mehr als eine spannende Theorie oder ein Wunschtraum, sondern etwas erfahrbares.  Ich denke da zum Beispiel an eine Frau, die mit dem Glauben an Gott und dem Christentum nicht viel zu tun hatte, bevor sie die Angebote des CenTral besuchte. Durch die verschiedenen Angebote und Gottesdienste, die sie im CenTral besuchte, sowie durch die neuen Freundschaften die sie zu Christen schloss, entwickelte sie eine Beziehung zu Jesus und begann zu glauben. Der neu gefundene Frieden in ihrem Leben wirkt sich auch in ihrer Familie aus. Sie berichtete davon, wie sie heftigen Streit mit ihren Geschwistern hatte mit wüsten Vorwürfen und Beschimpfungen. In einem der Gottesdienste erzählte die einer Freundin von der Situation, welche sie dazu ermutigte, den Streit nicht weiter zu führen, sondern im Gebet ihren Geschwistern zu vergeben. Dies tat sie dann auch. Die Wirkung war gewaltig. Von da an, erlebte sie einen Frieden in ihrem Herzen und konnte neu auf ihre Geschwister zu gehen und einen neuen, friedvollen Umgang mit ihnen pflegen.“

An jedem Sonntag abend treffen sich im ChristHaus, unserem Gemeindezentrum am Ortenberg, die jungen Erwachsenen von „InCo“ („International Contact“), einem Angebot, das die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Nationalität fördern soll. Lisa Herbst, Fachschülerin für Gemeinde- und Sozialpädagogik, berichtet:

„Ziel unserer Arbeit mit Internationalen ist es, Menschen in Marburg ein Zuhause zu bieten. Wir als Christen erleben es, dass wir bei Jesus ein Zuhause finden. Weil er derjenige ist, der uns annimmt, so wie wir sind. Diese Erfahrung wollen wir mit internationalen Studierenden teilen. In Marburg studieren viele junge Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die ihre Familien in ihren Heimatländern häufig Monate- oder Jahrelang nicht sehen können. Wir als „InCo“ sind wie eine Familie, wir sind für einander da, unternehmen Dinge zusammen und teilen einfach unseren Alltag zusammen. Eine sehr schöne Begegnung war es, als wir an einem Abend verschiedene Traditionen aus den Heimatländern der Studierenden kennenlernen durften. Beispielsweise brachten uns einige Syrer einen traditionellen Tanz bei, ein Nigerianer zeigte uns einige afrikanische Tanz-Moves und ein Chinese präsentierte uns ein Lied aus seiner Heimatprovinz. Die bunte Vielfalt der Gruppe begeistert mich immer wieder. Es ist so schön zu sehen, wie wir uns in unserer Unterschiedlichkeit bereichern und voneinander lernen können.“

Der Buchladen „Con:Text“ in der Marburger Fußgängerzone ist nicht nur ein Ort zum Bücherlesen, einkaufen und Kaffeetrinken. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Second-Hand-Artikeln dienen der Unterstützung verschiedener gemeinnütziger Projekte im In- und Ausland. Hans Christian Graß, Mitarbeiter im Con:text, berichtet:

„Unser Buchladen und Café ist in den letzten zwei Jahren zu einem beliebten Treffpunkt verschiedener Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten und Herkunftsländern geworden. Wir schaffen eine Atmosphäre, in der Menschen miteinander über Glaubens- und Lebensfragen diskutieren und Mitarbeiter*innen immer ein offenes Ohr für Probleme und Nöte haben. Sie sind Brückenbauer*innen in Konflikten und schaffen durch das Con:Text einen offenen Ort des Austausches.

Vor einigen Wochen besuchte uns regelmäßig ein geflüchteter Mann aus Afghanistan. Das Con:Text bot ihm den Rahmen, seine Deutschkenntnisse mit Gästen und Mitarbeiter*innen zu trainieren und auszubauen. Er war dankbar für die unkomplizierte Unterstützung, die große Offenheit und das herzliche Willkommen. Darüber hinaus engagiert sich das Con:Text mit Erlösen aus den Second-Hand-Verkäufen für soziale Projekte aus Marburg und weltweit. Unter anderem wurde das das Reha-Zentrum „Lifegate“ in Beit Jala (bei Bethlehem) unterstützt: Hier wird palästinensischen Kindern und Jugendlichen mit geistiger und körperlicher Behinderung Anteil am gesellschaftlichen Leben im Westjordanland ermöglicht, und das ganz bewusst in Kooperation mit arabischen wie auch israelischen, mit moslemischen wie auch mit jüdischen Partnern.“

Eine globale Perspektive ist in der Arbeit des Christus-Treff seit den Anfängen verwurzelt. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Christus-Treffs sind im Lauf der Jahre für kürzere oder längere Zeiträume in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit, in christlichen Hilfswerken, medizinischen Auslandseinsätzen und Projekten der weltweiten kirchlichen Mission tätig gewesen.

In der Altstadt von Jerusalem betreut der Christus-Treff zudem seit fast 25 Jahren das „Johanniter-Hospiz“. Gerade hier ist das Thema „Frieden und Versöhnung“ besonders aktuell, nicht nur durch die aktuellen politischen Konflikte, sondern auch durch die Begegnung der großen Weltreligionen, für die Jerusalem zugleich heilige Stadt und Zankapfel ist. Und natürlich dadurch, dass hier nach christlicher Überzeugung der Ort ist, an dem Gott am Kreuz die Welt mit sich versöhnt und Frieden geschaffen hat. Michael Mohrmann, derzeitiger Leiter des Christus-Treff Teams in Jerusalem, berichtet:

„Über einer wichtigen Kreuzung der Basarstraßen, auf der Grenze zwischen dem muslimischen und arabisch, christlichen Viertel, befindet sich das Johanniter-Hospiz, nicht weit vom jüdischen Viertel entfernt. Inmitten der Altstadt unterhält der Christus-Treff hier in Verbindung mit dem Johanniter-Orden ein kleines Gästehaus, das auch als Begegnungszentrum besonders für junge Erwachsene (Volontäre) dient. Zudem sind wir Mitarbeiter in der Evangelischen Kirche in Jerusalem engagiert.

Wir leben hier in freundschaftlicher Nachbarschaft mit palästinensischen Familien und Händlern, bei denen wir täglich einkaufen. Gleichzeitig sind wir mit Israelis befreundet. Unsere Gäste kommen überwiegend aus Deutschland, viele haben einen christlichen Hintergrund. Gern laden wir gerade die unterschiedlichen Freunde zum Feiern in unser Haus ein. Da kommt es dann immer wieder zu multikulturellen Begegnungen, bei denen Vorurteile ausgeräumt werden und Einblicke in ganz andere Lebenswelten möglich werden. Auch bei den Begegnungsabenden jeweils donnerstags haben wir Referenten, die uns z.B. über das Leben der christlichen orientalischen Kirchen, das Judentum oder den Islam informieren.“

Friede ist also immer ein ganzheitliches Geschehen: Er hat eine „horizontale“ Perspektive (Friede zwischen Menschen, Völkern, Kulturen, Konfessionen, Religionen), aber auch eine „vertikale“ Perspektive (Friede zwischen Menschen und Gott). Beides lässt sich nicht von einander trennen. In der Geschichte der Christenheit gab es Zeiten und Bewegungen (und es gibt sie heute noch), die sich ausschließlich um die „vertikale“ Perspektive gekümmert haben, und dabei den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung vernachlässigten. Ebenso gab es aber auch Zeiten und Bewegungen (und es gibt sie noch heute), die sich so sehr auf die horizontale Perspektive konzentrierten, dass sie dabei die Beziehung zu Gott aus den Augen verloren. Wir möchten im Christus-Treff das Beste aus beiden Perspektiven mit einander verbinden. Daher ist es uns wichtig, Beiträge zu Frieden, Begegnung, Verständnis und Versöhnung zwischen Menschen zu leisten. Aber auch, Menschen zum Glauben an den Gott einzuladen, der unser Leben verändert hat. Rebecca Braun, Studentin der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, erzählt:

„Nach meinem Auslandsjahr in Südamerika kam ich nicht nur mit vielen Erfahrungen, sondern auch mit vielen Fragen im Gepäck zurück nach Deutschland. Durch Begegnungen mit den dortigen Naturreligionen und fremden Weltsichten zweifelte ich an meinem Glaubenskonstrukt und hinterfragte das Selbstverständnis und die Berechtigung unterschiedlicher Religionen. Im CT fand ich einen offenen Ort und vielfältige Gesprächspartner, um meine Fragen loszuwerden, Zweifel laut auszusprechen sowie schwierige Punkte kritisch zu diskutieren. Letztendlich blieb vieles offen – richtungsweisend war für mich jedoch die Erkenntnis, dass ich nicht erst alle Zweifel und Fragen beseitigen muss, um mit Gott meinen Frieden zu machen und in Beziehung zu ihm treten zu dürfen. Dieser Frieden in meinem Herzen erlaubt es mir, nicht nur an Gott zu glauben, sondern mit ihm zu leben – eine stetig tiefer werdende Beziehung, in der auch all meine Fragen und Zweifel erlaubt sind.“

Dr. Guido Baltes (Christus-Treff Marburg)

Christus-Treff Marburg: Frieden schaffen im Senfkorn-Format
In: Speier, Holger (Hg.): Gott heißt Versöhnung. Marburger
Religionsgemeinschaften für den Frieden.
Marburg: Büchner Verlag 2017, S. 251-257
01.11.2017

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