Der andere Jesus

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Als Guido Baltes nach seinem Theologiestudium nach Jerusalem ging, wurde sein Bild von Jesus dort ziemlich auf den Kopf gestellt: Er lernte den Sohn Gottes als Juden kennen. Im Interview erklärte der Dozent und Musiker, warum die westlich-moderne Sicht auf Jesus an vielen Ecken und Enden hakt.

Simon Jahn

 

Was war der ausschlaggebende Punkt, dass Sie begonnen haben, sich intensiver mit Jesus zu beschäftigen?

Als ich in Marburg Theologie studierte, wurde ich mit den Lehren Rudolf Bultmanns konfrontiert. Der bekannte Theologe war der Frage nachgegangen: Wie wichtig ist der historische Jesus für den christlichen Glauben? Sein Ergebnis: Eigentlich gar nicht. Ausschlaggebend seien vor allem die Ideen, der Glaube und die Gottesbeziehung. Jesus sei nur eine symbolische Person. Darum sei es nicht wichtig, ob die Berichte der Bibel über ihn historisch wirklich stimmen. Diese Aussagen haben mich gewurmt und herausgefordert. Ohne Jesus konnte ich mir den christlichen Glauben überhaupt nicht vorstellen. Darum musste ich für mich herausfinden: Stimmt es wirklich, dass wir so wenig Historisches über ihn herausfinden können? So habe ich dann angefangen, mich wissenschaftlich mit Jesus zu befassen.

Nach Ihrem Studium gingen Sie nach Jerusalem, um in einem Hospiz ein Vikariat zu absolvieren. Dort wurde Ihnen der Jesus, wie Sie ihn kannten, zunehmend fremder.

Schon Albert Schweitzer hat festgestellt, dass im Grunde alle Jesusforscher ein Spiegelbild ihrer Zeit in dem Sohn Gottes gesehen haben. Ich kannte Jesus aus Predigten, Seminaren und Büchern – immer aus der Perspektive moderner Menschen, nicht aus der der Juden. In Israel begegnete mir er dann in einer ganz anderen Welt – sowohl kulturell als auch geografisch.

Sie haben dann auch begonnen, mit Juden gemeinsam das Neue Testament zu lesen. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich wollte wissen, was Menschen, die der gleichen Kultur wie Jesus angehören, aus seinen Worten herauslesen. Also haben wir gemeinsam gelesen und darüber diskutiert. In meinem Studium hatte ich gelernt, die Berichte der Bibel seien historisch nicht glaubhaft. Die Juden hingegen bestätigten mir, dass das, was in der Heiligen Schrift steht, eine authentische, zuverlässige Darstellung ist. Ich erschrak auch darüber, wie oft ich in die Bibel Dinge hineinlas, die da gar nicht stehen. Das Christentum hat in seiner Geschichte immer versucht, sich vom Judentum abzugrenzen. Darum wurden viele Aussagen des Neues Testaments so interpretiert, als sei es Jesus darum gegangen, das Judentum abzuschaffen und eine neue Religion zu begründen. Aber das war gar nicht sein Anliegen.

Wieso sehen wir Christen ihn dann aber so?

Das hat eine lange Tradition: Die Griechen und Römer lehnten den für sie komischen Glauben der Juden und dessen Gesetze als überholt ab. Und als sich das Christentum immer mehr auch in der römischen Welt etablierte, verbreitete sich zunehmend die Ansicht, dass das Judentum eine Religion der Vergangenheit sei. Später in der Aufklärung projizierte man alles, was gegen die Freiheit zu stehen schien – Religion, Kirche, Priester – auf das Judentum und sagte: Jesus war gegen das alles. Und in den 1970er-Jahren entstand dann die Idee, dass es im Christentum in Wirklichkeit um revolutionäres Denken, Anti-Imperialismus und Herrschaftskritik geht. Da fungierte das Judentum als Spiegelbild für Herrschaftssysteme, die Jesus infrage gestellt habe.

 Rührt das Bild dieses „Gegen-Jesus“ vielleicht daher, dass es viele Menschen schwierig finden, Altes und Neues Testament zusammen zu bringen? Sie fragen sich: Ist das derselbe Gott?

Beim Lesen des Alten Testaments nehmen viele vor allem die negativen Dinge wahr: den strafenden, zornigen Gott, die Kriege. Und im Neuen Testament sehen sie einen Gott voller Liebe, Frieden und Gnade. Das ist jedoch eine recht gefärbte Sichtweise. Wenn man das Alte Testament komplett liest, findet man genauso viele Passagen, die von der Gnade Gottes oder von der Liebe des Vaters reden, die zum Frieden und zur Feindesliebe aufrufen. Ebenso enthält das Neue Testament Texte, die schwer verdaulich sind. Niemand redet so viel von der Hölle wie Jesus, und im Buch der Offenbarung gibt es viel Blutvergießen.

 Rührt die Scheu, den Juden Jesus zu betrachten, vielleicht bei uns Deutschen auch aus unserer Vergangenheit?

Auf jeden Fall. Der Nationalsozialismus ist ja nur die Spitze des Eisbergs einer langen antijüdischen Geistesgeschichte. Und deshalb steckt ist tief in uns die Überzeugung, dass das Judentum etwas Schlechtes ist.

 Berauben wir uns in der westlichen Welt einem gewissen „Mehr“, wenn wir die Bibel nur aus unserem eigenen Hintergrund heraus interpretieren und den jüdischen Kontext von Jesus nicht mitdenken? Oder glauben wir gar falsch?

Es gibt viele Kleinigkeiten, in denen wir wirklich Falsches glauben und auch immer wieder gepredigt bekommen. Angefangen von der Idee, dass Juden die Aussätzigen verstoßen haben in irgendwelche Kolonien oder dass Juden das Gebiet der Samaritaner mieden oder nicht mit ihnen reden wollten. Oder die Annahme, dass die Juden die Römer aus ihrem Land vertreiben wollten. Oder dass das Heilen am Sabbat verboten war. Darüber hinaus rauben wir uns allgemein in unserem Glauben viel von dem Reichtum des Neuen Testaments, indem wir alles ausklammern, was wir für jüdisch halten.

 Heißt das, ich muss mich erst intensiv mit Jesus in seinem Kontext auseinandersetzen, um ihn überhaupt verstehen zu können?

Wenn man herausfinden möchte, was christlicher Glaube ist, sollte man die Geschichten von Jesus intensiv lesen und sich nicht nur an Lieblingsversen entlang hangeln. Was hat er gesagt? Was hat er getan? Und was hat das für die Menschen seiner Zeit bedeutet? Dafür muss man auch den Hintergrund studieren und sich die Mühe machen, mal ein Lexikon zur Hand zu nehmen oder im Internet nachzuforschen. Wie wurde der Sabbat begangen? Wie wurden die Armen, die Kranken behandelt zur Zeit Jesu? Ich glaube, diese Mühe lohnt sich, weil man dadurch mehr als nur ein Schema von Jesus kennenlernt.

 Es reicht also nicht, die Bibel zu lesen?

Die Idee, dass wir Wahrheit finden, indem wir uns hinsetzen und ein Buch lesen, ist eine moderne christliche Idee. Die Juden suchen Wahrheit, indem sie in eine Gemeinschaft gehen, dort gemeinsam Bibel lesen und darüber debattieren. Auch Jesus hat nicht zu den Leuten gesagt: Hier hast du das Wort Gottes – lies das mal. Sondern er hat mit ihnen über die Heilige Schrift gesprochen. Ich finde, das sollten wir wieder entdecken. Es ist keine Hürde, sondern eine Chance, zu sagen, ich muss diese Jesusgeschichte zusammen mit zwei oder drei Leuten lesen, weil ich sie für mich alleine doch immer nur durch meine eigene Brille sehe.

 Manche moderne Gemeinden leben den Glauben an Jesus ganz bewusst in ihrer Subkultur. Sie sagen: Jesus versteht und liebt dich so wie du bist, du musst dich nicht verstellen. Greift das zu kurz?

Nein. Ich glaube, das ist absolut richtig. Jesus ist ja nicht nur als Person in die Weltgeschichte gekommen. Nach seiner Kreuzigung ist er wieder auferstanden. Er lebt auch heute noch – nicht als sichtbare Person, aber er ist gegenwärtig. Darum darf man ihn natürlich auch mit heutigen Bildern beschreiben. Es ist gut, sich zu überlegen, wie er heutzutage auf der Welt leben würde und ihn auch so zu übersetzen, dass ihn jeder heute verstehen kann. Man muss nur aufpassen, dass man ihn nicht auch inhaltlich an unsere Zeit anpasst, sondern das Fremde an ihm stehenlässt. Vielmehr kann man sich überlegen: Wie stellt Jesus vielleicht auch meine Kultur und meine Zeit infrage?

 Was ist das Fremde an ihm? Wie sah denn die Welt aus, in der Jesus aufwuchs?

Die Kindheit und das Familienleben von Jesus sind in der Bibel ja nicht dokumentiert. Für die Evangelisten war es ja eine Selbstverständlichkeit, wie der Alltag eines jüdischen Jungen zu der Zeit aussaht. Darum muss man auf andere historische Quellen zurückgreifen. Das Judentum hatte damals ein ausgeprägtes Bildungssystem für Kinder. Das begann schon frühzeitig in der Familie, wo die Eltern ihre Kinder – gerade auch in religiöse Fragen – unterrichteten: Wer ist unser Gott? Was ist unsere Geschichte? Und dann gab es wohl auch eine Art Grundschule in den Dörfern. Man kann davon ausgehen, dass Jesus eine solche Schule besucht hat. Vermutlich war sie an die örtliche Synagoge angeschlossen. Dort wurden die Kinder nicht nur im Lesen und Schreiben unterrichtet, sondern auch in der biblischen Geschichte. Die jungen Männer haben dann vermutlich schon recht früh den Beruf des Vaters erlernt. Bei Jesus ist meist von Zimmermann die Rede. Aber Baumeister trifft es wohl besser. Jemand, der mit Holz und Steinen im Hausbau beschäftigt war. Nach allem was man weiß, hat Jesus keine theologische Ausbildung absolviert, keine theologische Schule besucht oder bei theologischen Lehrern gelernt. Er hat zuerst einfach seinen Beruf ausgeübt.

Anhand des jüdischen Jahreskreises können wir zudem davon ausgehen, dass er mit seinen Eltern die großen jüdischen Feste gefeiert hat: das Laubhüttenfest im Herbst, das an die Schöpfung erinnert, aber auch an die Vollendung der Schöpfung am Ende der Weltzeit, das Passahfest, bei dem man sich den Auszug aus Ägypten vergegenwärtigt und die Befreiung aus der Sklaverei, das Pfingstfest, bei dem an die Gabe der Zehn Gebote am Berg Sinai und an die Bundesschlüsse Gottes gedacht wird, und zwischendurch noch kleine andere Feste. Dieser Jahreszyklus der Feste hat seinen Alltag sicher stark geprägt. Er hat vermutlich regelmäßig zu festen Zeiten Gebete gesprochen, die bereits seine Vorväter formuliert und gebetet hatten – beim Aufstehen und abends bei Sonnenuntergang. Dazu samstags der Gang in die Synagoge. Ich denke, dass der Alltag von Jesus sehr stark geprägt war von solchen Orten und Zeiten. Das ist uns im Christentum nahezu verloren gegangen.

 Warum? Glauben wir zu verkopft?

Auf jeden Fall. Auch das hängt mit der Aufklärung zusammen. Da hieß es: Glaube ist etwas, das sich vor allem im Kopf und vielleicht noch im Herzen abspielt; eine innere Haltung, die man nach außen hin nicht unbedingt sehen muss. Glaube ist Privatsache. In der Bibel finden wir das allerdings so nicht. Da wird Glaube gelebt. Er zeigt sich im Alltag durch Gebetszeiten, Bräuche und Feste, die den Lebensrhythmus bestimmen. Ich denke, vielen Christen würde es helfen, mehr aus sich herauszukommen, indem sie sich an Jesus, dem Juden, orientieren würden.

 Moderne Gemeinden setzen doch aber heute schon wesentlich mehr auf Erfahrungen und Gefühle.

Das ist ein richtiger Schritt. So kommt man der Bibel sicher näher, als wenn man nur regungslos dasitzt und sich die richtigen Gedanken macht. Aber ich würde mir wünschen, dass solche Gemeinden auch ihre Vorbehalte gegenüber Ritualen und Bräuchen ablegen. In Jerusalem wird in vielen traditionellen Kirchen beispielsweise Weihrauch angezündet. Für viele Christen ist das das Zeichen schlechthin für Aberglaube. Aber wenn ich in die Bibel schaue, sehe ich, dass überall im Tempel und sogar im Himmel beim Gebet Weihrauch angezündet wird. Warum? Weil es ein äußerer Ausdruck ist für das, was innerlich passiert: Der Weihrauch steigt nach oben – symbolisch für die Haltung im Gebet – und sein Geruch erfüllt den Raum – das drückt etwas von der unsichtbaren Gegenwart Gottes aus. In solchen kleinen biblischen Symbolen steckt viel Kraft.

 Ist Jesus nur in seinem jüdisch-historischen Kontext möglich? Hätte er auch woanders oder zu einer anderen Zeit auf die Welt kommen können?

Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen existiert nicht nur irgendwo in unserer Vorstellung. Sie findet im wirklichen Leben statt, da wo wir sind. Und deswegen ist sie immer verankert in Raum und Zeit. Gott erwählte das Volk Israel zu seinem Volk. Deswegen kam er ganz bewusst in der Person eines jüdischen Lehrers in die Welt. In Jesus bestätigte er seine unendliche Liebe zu den Menschen und nahm sie alle mit hinein in seine Geschichte.

 Was hat sich durch die Begegnung mit dem Juden Jesus bei ihnen verändert?

Mein Glaube findet nicht mehr nur im Kopf und in christlichen Glaubenssätzen statt. Er ist erd- und gegenwartsverbunden. Das drückt sich aus in dem, was ich sage und tue, wie ich meinen Alltag gestalte, in Ritualen, in der praktischen Nächstenliebe, im Engagement für die Gesellschaft.

Außerdem ist mein Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Bibel gewachsen. Je mehr ich den jüdischen Kontext von Jesus verstehe, desto mehr wird mir klar, dass Christen nicht irgendeiner verrückten Idee hinterherjagen. Dieser Glaube ist zuverlässig in Raum und Zeit gegründet.

 Beschreiben sie Jesus doch einmal zusammenfassend in drei, vier Sätzen. Was ist der Kern?

In Jesus begegnet uns ein Mensch mit erstaunlichen Aussagen darüber, wie wir miteinander leben sollten und wie unsere Beziehung zu Gott aussehen sollte. Ein Mensch, der uns zeigt, wie das Leben gelingen kann. Er ist so anders und faszinierend, weil Gott selbst in ihm in die Welt gekommen ist. Und zwar nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um den Menschen zu dienen und sein Leben zu geben, um sie frei zu machen und in Beziehung mit Gott zu bringen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Quelle: Ein Interview – Entscheidung 2/2013, S. 24-27 (768 kB)

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