Die bessere Gerechtigkeit suchen

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Jesus, die Pharisäer und der faire Handel

Für Jesus stand das Trachten nach Gerechtigkeit ganz oben auf der Tagesordnung des Reiches Gottes (Mt. 6,33). Darin war er sich vermutlich mit den allermeisten seiner Zuhörer, Anhängern wie Gegnern gleicherweise, einig. Gerechtigkeit war ein zentrales Thema nicht nur für das Volk Israel und seine Heilige Schrift, sondern auch für die Kulturen der alten Ägypter, der Griechen und der Römer. Und bis heute hat das Wort nichts an seiner Attraktivität eingebüßt. Das zeigt schon ein Blick in die Parteiprogramme aller deutschen Volksparteien. Gerechtigkeit will offenbar jeder. Aber wenn es um den Weg dahin geht, dann scheiden sich die Geister. Und da fängt die Herausforderung an.

Jesus war es nicht genug, dass seine Jünger, wie alle anderen auch, nach Gerechtigkeit schreien. Er wollte mehr. Er wollte eine bessere Gerechtigkeit. Eine, die sogar die noch übertraf, die sich damals als Avantgarde einer gerechteren Gesellschaft verstanden: die Pharisäer. „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt. 5,20). Worin aber besteht diese „bessere Gerechtigkeit“ der Jünger Jesu?

Falsche Klischees

Ausleger und Prediger warten hier schnell mit vorschnellen Antworten auf. Dann steht auf der einen Seite eine „Gesetzesgerechtigkeit“, die sich an äußerem Verhalten festmacht, und auf der anderen Seite eine „Glaubensgerechtigkeit“, die nur aus der richtigen Herzenshaltung besteht. Oder hier eine „Werkgerechtigkeit“, mit der man sich den Himmel verdienen muss, und dort eine „Gnadengerechtigkeit“ die einem geschenkt wird. Hier eine „exklusive“ Gerechtigkeit, die nur auf das eigene Volk bedacht ist, dort eine „inklusive“ Gerechtigkeit, die die ganze Welt im Blick hat. Und so könnte man die Liste fortsetzen. Das alles aber sind Klischees, die letztlich nur aus einer tiefen Unkenntnis des Judentums stammen, wie sie unter Christen leider weit verbreitet ist. Schon ein genauerer Blick ins Neue Testament zeigt, dass Jesus mit den Pharisäern über diese Art von Fragen nie im Streit liegt. Und schon ein oberflächlicher Blick in die Literatur des Judentums würde zeigen, dass in diesen Punkten kaum Meinungsverschiedenheiten zwischen Jesus und den Pharisäern bestanden. Es sind Vorwürfe ganz anderer Art, die Jesus den Pharisäern macht.

Pharisäer wie wir

Die Vorwürfe, die Jesus den Pharisäern macht, greifen nicht deren Definition von Gerechtigkeit an. Ganz im Gegenteil. Jesus hat das, was die Pharisäer lehrten, ganz ausdrücklich bestätigt (Mt 23,3). Nicht an ihren Lehren, sondern an ihrem Verhalten hatte Jesus etwas auszusetzen (Mt 23,4). Was also unterschied die Gerechtigkeit der Pharisäer von der „besseren Gerechtigkeit“, die Jesus von seinen Nachfolgern fordert? Ich glaube, es ist nicht ihr theologisches Verständnis von Gerechtigkeit. Es ist vielmehr immer wieder das, was man die „schädlichen Nebenwirkungen“ eines Lebensstils nennen könnte, der nach Gerechtigkeit trachtet: Es sind die ungewollten und doch fast unvermeidbaren Fallgruben, in die jeder so leicht hineinfällt, dem es von Herzen um Gerechtigkeit geht. Und zwar gerade der, der es besonders ernst meint. Solche waren nämlich die Pharisäer. Und solche sind viele von uns. Hierin liegt ein wichtiger Schlüssel: Nur wenn wir uns von ganzem Herzen auf die Seite der Pharisäer stellen und die Worte Jesu gegen die Pharisäer als Worte gegen uns selbst hören, dann verstehen wir Jesus richtig. Ich will versuchen, das zu erklären.

Wer waren die Pharisäer?

Zunächst einmal muss man versuchen, wirklich zu verstehen, wer die Pharisäer waren. Früher war es üblich, sie einfach pauschal als Bösewichte, Scheinheilige und Widersacher Jesu zu bezeichnen. Von diesen Klischees der deutschen Volksseele hat man sich heute weithin verabschiedet. Aber es hat sich stattdessen ein neues Klischee eingebürgert: Der Pharisäer ist heute zum Prototyp des „besonders frommen“ oder „besonders religiösen“ Christen geworden. Damit wurde er wieder zum Buhmann, diesmal für diejenigen, die sich selbst als nicht ganz so fromm darstellen wollen. Aber auch das ist natürlich eine Karikatur, die wenig mit der historischen Realität zu tun hat. Wer also waren die Pharisäer wirklich? Man muss etwas genauer hinsehen.

Die Pharisäer waren nicht einfach „fromm“ oder „religiös“. Sie hatten ein ganz konkretes Programm, und das hieß: Gerecht leben im Alltag. Sie wollten Gottes Gebote auch im alltäglichen Leben umsetzen, vor allem auch in der Welt des Ackerbaus, des Handels und des Nahrungsmittelkonsums. Zum biblischen Prinzip eines „gerechten“ Ackerbaus gehörte es zum Beispiel, dass man bei der Ernte einen bestimmten Anteil für die Armen auf dem Feld zurückließ, den diese anschließend einsammeln konnten. Auch das System des „Zehnten“, der auf alle agrarischen Produkte entrichtet wurde, diente nicht nur der Versorgung von Priestern und Leviten im Tempel, sondern auch der Armenfürsorge. Unsere Vorstellungen von „sozialer Gerechtigkeit“ mögen heute anders aussehen: Damals aber waren diese biblischen Gesetze ein Versuch, den Grundgedanken der Gerechtigkeit in die Lebenswelt der Agrarwirtschaft umzusetzen. Eine frühe Form des fairen Handels also, wenn man so will.

Netzwerke von Gleichgesinnten

Nun stellte sich aber damals wie heute die Frage: Wie erkennt man, ob die Lebensmittel, die man kauft oder isst, auch „gerecht“ gehandelt sind? Die biblischen Gebote wurden ja nicht staatlich durchgesetzt, sondern basierten auf dem Freiwilligkeitsprinzip. Die Lösung, damals wie heute, bestand also in einer eindeutigen Kennzeichnung und in der Gründung von vertrauenswürdigen Verbänden. Die Pharisäer gründeten solche Netzwerke von Gleich­gesinnten, deren Mitglieder sich als „Chaverim“ bezeichneten, hebräisch für „Genossen“ oder „Freunde“.  Mitglieder dieser Genossenschaften verpflichteten sich, ihre Lebensmittel nach den biblischen Prinzipien der Gerechtigkeit anzubauen, zu ernten und zu verzehnten. Wer also Wert legte auf gerecht gehandeltes Gemüse oder Obst, der ging bei einem „Chaver“ einkaufen und nicht bei einem gewöhnlichen Laden. Wer noch mehr Wert auf Gerechtigkeit legte, achtete auch zu Hause bei Tisch darauf, woher das Essen stammt: Aus gerechtem oder aus gewöhnlichem Handel? Problematisch wurde es natürlich, wenn man bei anderen Leuten zu Gast war. Denn woher sollte man wissen, ob deren Lebensmittel gerecht oder ungerecht waren? Die Lösung lag für viele Pharisäer darin, nur im eigenen Haus oder in den Häusern anderer „Chaverim“ zu essen. So konnte man es vermeiden, an der Ungerechtigkeit anderer mitschuldig zu werden, und gleichzeitig stärkte man das System des gerechten Handels durch gegenseitige Solidarität. Hier liegt der tiefere Grund für das im Neuen Testament so oft auftretende Problem der „Tischgemeinschaft“. Es liegt nicht in einem (oft unterstellten) allgemeinen Hass der Juden gegen Sünder oder in einer Furcht vor „Ansteckung“ mit Sünde. Es liegt vielmehr in dem sehr konkreten Wunsch, den Handel und Konsum ungerechter Nahrungsmittel zu vermeiden und damit Gerechtigkeit zu fördern.

Die Kritik Jesu

Wogegen richtet sich nun die Kritik Jesu? Anders als wir oft denken, richtet sie sich nicht gegen das System als solches. Im Gegenteil, das wird von Jesus ausdrücklich gutgeheißen (Mt 23,23). Jesus spielt nicht die persönliche Nächstenliebe gegen gerechte Handelssysteme aus. Er will beides. Nein, Jesus kritisiert das pharisäische System des „gerechten Handels“ nicht. Das wäre zu oberflächlich beobachtet.  Wenn man genauer hinsieht, entdeckt man, dass es andere Dinge sind, die Jesus an den Pharisäern kritisiert: Es sind die ungewollten negativen Nebenwirkungen eines an sich guten Systems. Es sind die verborgenen Gefahren, die einem ernsthaften Trachten nach Gerechtigkeit fast unvermeidlich auf dem Fuße folgen. Vier davon nimmt Jesus besonders ins Visier:

 

  1. Die Falle der Heuchelei: Man fordert von anderen, was man selbst nicht tut (Mt 23,3-4). Jesus schreibt den Pharisäern ins Stammbuch: Eure Ideen sind gut, aber nehmt sie erst einmal als Hausaufgabe für euch selbst, bevor ihr sie von anderen einfordert. Hier müssen wir uns selbst an die Nase fassen, gerade dann, wenn wir es mit der Gerechtigkeit besonders ernst nehmen. Leben wir selbst das, was wir fordern? Wie leicht ist es, bei Minimal-Produkten wie Kaffee und Schokolade auf Fairness zu achten, aber schon beim Brennen der neuesten CD nicht mehr, und bei den wirklich teuren Anschaffungen unseres Lebens dann nur noch auf Trendmarken oder Schnäppchenpreise? Jesus macht deutlich, dass wir mit demselben Maß gemessen werden, mit dem wir andere messen (Mt 7,2) und nennt den einen Heuchler, der bei anderen ankreidet, woran er selbst sich nicht hält.

 

  1. Die Falle der Öffentlichkeitswirkung: Jesus kritisiert an Pharisäern, dass sie sich an die Prinzipien der Gerechtigkeit oft nur deswegen halten, „damit sie von anderen gesehen werden“ (Mt. 23,5; Mt. 6,1; Lk 11,42). Die Motivation für gerechtes Handeln sollte also nicht die Öffentlichkeitswirksamkeit sein. Damit, so Jesus, hat der Gerechte „seinen Lohn dahin“, auch wenn er noch so gerecht ist. Diese Gefahr besteht auch heute ungebrochen. Da, wo wir etwa mit den Begriffen Fairness und Gerechtigkeit hausieren gehen, um als Christen in der Gesellschaft Anerkennung zu finden. Wo eine Gemeinde mit ihrer Kaffemarke für ein gutes Image bei den Nachbarn wirbt. Da wird das Trachten nach Gerechtigkeit schnell zur Quaste am Gewand oder zur Posaune, die mehr uns selbst als das Reich Gottes in den Mittelpunkt stellt. Der Satz „die Linke soll nicht wissen, was die Rechte tut“ gewinnt im Informationszeitalter eine ganz neue Brisanz.

 

  1. Die Falle der Überheblichkeit: Ein beispielhafter Pharisäer wird von Jesus deshalb als „nicht gerecht“ bezeichnet, weil er sich zwar an alle Vorgaben der Gerechtigkeit hält, aber seine Gerechtigkeit dann dazu benutzt, um sich über einen anderen Menschen zu erheben (Luk 18,9-14). Wer sich so erhebt, sagt Jesus, wird am Ende erniedrigt werden. Würde Jesus das Gleichnis heute erzählen, würde es vermutlich nicht vom „rechtgläubigen Christen“ und vom „reuigen Sünder“ handeln, wie so oft in Predigten. Das Gleichnis ist immer dann falsch gelesen, wenn „der Andere“ der Böse bleibt. Wirklich treffen tut es dann, wenn es zum Beispiel vom „gesellschaftsrelevant engagierten Christen“ handelt, der alle Regeln des gerechten Handels befolgt, und vom „normalen Gemeindechristen“, dem es nur um die eigene Sündenvergebung geht. Welcher von beiden geht dann gerechtfertigt nach Hause?

 

  1. Die Falle der Ausgrenzung: Der Wunsch der Pharisäer nach einer konsequenten und radikalen Gerechtigkeit im Alltag führte oft dazu, dass sie andere ausgrenzten und stigmatisierten. Die klare Unterteilung der Welt in „Chaverim“ und „Nicht-Chaverim“, so hilfreich sie auch war für eine konsequente Umsetzung der Gerechtigkeit im Alltag, führte letztlich zu einer falschen Unterteilung der Welt: Nämlich in „Gute und Böse“, „Gerechte und Ungerechte“, „Faire und Unfaire“. Jesus aber hat diese Grenzen immer wieder ganz bewusst durchbrochen. Nicht deshalb, weil er die Werte der Pharisäer nicht teilte. Die hat er ja ausdrücklich bestätigt. Auch nicht, weil er die Ungerechtigkeit der Ungerechten nicht verurteilte. Das hat er oft genug getan. Sondern weil er sich weigerte, Menschen öffentlich in diese Kategorien einzuteilen. Er rief alle zur Umkehr, Sünder wie auch Gerechte. Und er zeigte allen Gottes Zuwendung, Sündern wie auch Gerechten. Die einen von den anderen abzugrenzen oder zu unterscheiden, war ihm nicht wichtig. Es ist nicht an uns, über andere zu richten, sagte er. Sonst fällt das Urteil allzu schnell auf uns selbst zurück (Mt 7,1). Auch hier wäre es spannend, Jesus in heutigen Konfliktfeldern zu begegnen: Wenn er etwa die Wahl hätte zwischen dem örtlichen Bioladen und dem verpönten Fastfood-Restaurant, wo würde er wohl einkehren? Und wer wären dann die, die draußen ständen und darüber murren? Wenn Jesus heute eine Unterschriftenaktion gegen die ungerechte Handelspolitik eines Großkonzerns vorgelegt bekäme, wohin würde er schreiben? Mit dem Stift auf die Liste oder mit den Fingern in den Sand? Vielleicht würde er uns Christen anschauen und sagen: „Wer von euch ohne Sünde ist, schreibe den ersten Blog“? Und dann würde er vielleicht den verhassten Top-Managern sagen: „Ich verurteile euch nicht. Aber: Geht hin und sündigt hinfort nicht mehr!“

 

Eine bessere Gerechtigkeit

Es ist immer leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch auf die Pharisäer. Aber wenn wir genau hinsehen, merken wir, dass die berühmten drei Finger auf uns selbst zeigen: Die Pharisäer, mit denen Jesus es zu tun hat, das sind wir selbst. Jesus ist weder unser Feind, noch hat er etwas gegen unser Trachten nach Gerechtigkeit. Im Gegenteil, er ist ganz dafür. Aber: Besser sollte es sein! So viele Parteien, Initiativen und Gruppen haben sich heute das Wort „Gerechtigkeit“ auf die Fahnen geschrieben. Während unserer Jahre in Jerusalem erreichten uns fast täglich Petitionen, Mails und Flugblätter, die nach mehr Gerechtigkeit riefen – mal für die eine, mal für die andere Seite des blutigen Konfliktes. Vor allem aber gegen den jeweils „Anderen“. Oft waren dabei die Anliegen, die vertreten wurden, durchaus nachvollziehbar. Aber die genannten Nebenwirkungen des Gerechtigkeitsstrebens waren oft so lautstark, dass man der eigentlichen Botschaft kaum mehr zuhören wollte.

Sicher, es ist nicht leicht, über Gerechtigkeit zu reden, ohne das Unrecht zu richten. Es ist nicht leicht, in einer Zeit der Informationsfülle auf Öffentlichkeit zu verzichten. Und wo käme man hin, wenn man nur das von anderen fordert, was man selbst zu hundert Prozent konsequent lebt? Wie soll man fair und unfair unterscheiden, wenn man keine klaren Grenzen zieht? Das alles sind Fragen, auf die ich ebenso wenig eine Antwort habe, wie vermutlich die Jünger Jesu. Sie machen mich aber neugierig, und zugleich demütig, den Weg der besseren Gerechtigkeit zu suchen. Möge Gott es schenken, dass wir ihn gemeinsam finden. Einen anderen, besseren, Weg zur Gerechtigkeit.


Quelle: Jesus, die Pharisäer und der faire Handel – Aufatmen 1/2013, S. 49-52 (13 MB)

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