Entmythologisierung. Warum ich lieber der Bibel glaube

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Kann man der Bibel glauben? Viele würden sagen: Nein. Man kann zwar die Bibel lesen und darin alles mögliche finden, was nützlich ist. Aber glauben sollte man nur seinem eigenen Sachverstand. Und weil den nur so wenige haben, sollte man dem glauben, was uns die Pfarrer und die Theologieprofessoren sagen. Ist die Bibel also unglaubwürdig?

Im Jahre 1941 schrieb ein deutscher Theologe einen berühmten Aufsatz. Er meinte: Die Bibel muß von den Mythen der alten Zeiten befreit werden, damit sie nicht so anstößig ist für die heutige Zeit. Ich meine dagegen: Die Bibel muß von den Mythen der heutigen Zeit befreit werden, damit sie heute wieder so anstößig wird wie früher. Was erzählen uns diese Mythen?

Mythos Nr.1: Die Bibel ist unzuverlässig, weil sie so alt ist

Ich lebe zur Zeit mit meiner Frau in Jerusalem. Wir feiern hier gerade ‘3000 Jahre Jerusalem’, und alle sind besonders stolz auf das Alter dieser Stadt. Als David vor 3000 Jahren nach Jerusalem kam, wurde an der Bibel bereits seit einigen hundert Jahren geschrieben. Warum ist man eigentlich auf eine alte Stadt stolz, auf ein noch älteres Buch aber nicht? Das Alter der Bibel ist für mich eines der deutlichsten Belege für ihre Zuverlässigkeit. Denn es zeigt: Dieses Buch hat sich bewährt. Das Volk der Juden hat durch seine ganze bewegte Geschichte hindurch, trotz (und wegen) aller seiner Erfahrungen, an diesem Buch festgehalten. In den christlichen Kirchen ist daraus wöchentlich, wenn nicht täglich, gelesen worden. Menschen verschiedenster Kulturen und Zeitalter haben ihr Leben von diesem Buch prägen lassen. Wenn die Bibel sich da nicht immer wieder bewährt und ihre Wahrheit und Kraft sich erwiesen hätte – wäre sie nicht, wie jedes andere Buch der Antike, mit der Zeit im Staub der Geschichte versunken? Alter ist kein Zeichen für Unwahrheit.

Mythos Nr.2: Die Bibel ist unzuverlässig, weil sie von Menschen geschrieben wurde

„Die Bibel ist ja nicht vom Himmel gefallen“ ist ein beliebter, wenn auch dummer Spruch. Denn erstens habe ich – ehrlich gesagt – noch nie jemanden getroffen, der das behauptet hätte. Und zweitens macht gerade das die Bibel für mich glaubwürdig. Mir ist der Anspruch des Islam nicht geheuer, nach dem Gott selbst jedes einzelne Wort des Koran diktiert haben soll. Mit dieser Begründung werden hier im Orient Todesstrafen gegen diejenigen verhängt, die nach der historischen Entstehung der koranischen Verse fragen. Da finde ich die Bibel schon ehrlicher: Sie erzählt selbst, daß sie von ganz normalen Leuten geschrieben wurde. Nicht die Tatsache, daß er ein Mensch ist, macht einen Schriftsteller schon unglaubwürdig. Die entscheidende Frage ist doch: Wer oder was hat ihn inspiriert? Wovon hat er seine Gedanken und Worte prägen lassen? Was sind seine Maßstäbe? Was bewegt ihn? Und die Schriftsteller der Bibel hatten eins gemeinsam: Daß sie auf Gottes Stimme hörten und von seinem Geist bewegt waren. Und das macht die einfachen Worte von Menschen zu verläßlichen Worten Gottes.

Mythos Nr.3: Die Bibel wurde ungenau überliefert

Von den Büchern der Bibel haben wir heute keine Originalschriften mehr. Was wir haben, sind Abschriften von Abschriften von Abschriften. Macht das die Bibel unzuverlässig? Der Vergleich mit anderen Büchern der damaligen Zeit zeigt: Von allen Büchern der antiken Welt ist die Bibel mit Abstand am zuverlässigsten überliefert worden. Das hat verschiedene Gründe:

Ehrfurcht vor dem biblischen Text

Bis heute werden in den jüdischen Synagogen nur handgeschriebene Thora-Rollen (Bibeln) verwendet. Sie werden von speziell ausgesuchten und ausgebildeten Schreibern mit höchster Präzision hergestellt. Komplizierte Kontrollsysteme sorgen dafür, daß kein Buchstabe beim Abschreiben verlorengeht: So werden am Ende jedes Kapitels, jeder Seite und jedes Buches alle Buchstaben und Worte gezählt, und die Summe wird zur Kontrolle am Rande des Textes vermerkt.

Weltweite Verbreitung

Ein zweiter Grund ist die weite Verbreitung der biblischen Texte. Ausgaben der biblischen Texte haben sich schon früh über die ganze antike Welt verbreitet. Dort wurden sie unabhängig voneinander über Jahrhunderte weiter überliefert. Im Israel-Museum hier in Jerusalem findet man heute Thora-Rollen aus Indien und dem Iran, aus Rußland und Italien, aus Marokko und Äthiopien. Sie alle enthalten denselben Text. Hätte jemand den Text der Bibel fälschen wollen, hätte er durch die ganze antike Welt reisen müssen und alle anderen Texte, die in Synagogen und Privathäusern aufbewahrt wurden, vernichten oder fälschen müssen. Und selbst wenn sich irgendwo unabsichtlich ein Schreibfehler eingeschlichen hat, so wurde der richtige Text doch weiterhin an Tausenden von Orten bewahrt.

Archäologische Belege

Eine Sensation für die Bibelwissenschaft war auch der Fund alter Schriftrollen hier in Israel, in den Höhlen von Qumran am Toten Meer. Dort wurde unter anderem eine Kopie des Buches Jesaja gefunden, die etwa 1000 Jahre älter war als alle bis dahin bekannten Abschriften dieses Buches. Ein Vergleich zeigte: In den 1000 Jahren, in denen das Buch Jesaja immer wieder abgeschrieben und kopiert worden war, war der Text praktisch unverändert geblieben. Nur die Schreibweise mancher Worte hatte sich geändert.

Julius Caesar und das Neue Testament

Dasselbe gilt auch für die Texte des Neuen Testamentes: Vergleicht man sie z.B. mit Julius Caesars „Gallischem Krieg“, dann zeigt sich, auf wie sicherem Boden wir mit der Bibel stehen: Caesars Geschichtswerk ist uns heute noch in etwa 10 alten Handschriften erhalten. Die älteste davon stammt aus dem Mittelalter. Etwa 1000 Jahre liegen zwischen der Abfassung und der ältesten noch erhaltenen Kopie. Das Neue Testament ist uns dagegen in über 5000 alten Hanschriften erhalten, dazu kommen etwa 10000 alte lateinische Übersetzungen. Die älteste Handschrift ist ein Stück des Johannesevangeliums aus dem Jahr 125, etwa 30 Jahre nach der Abfassung des Evangeliums geschrieben. Aus einem Vergleich aller erhaltenen Handschriften kann man deshalb heute mühelos den exakten Originaltext des Neuen Testaments rekonstruieren, der auch allen neuen Bibelübersetzungen zugrundeliegt.

Mythos Nr.4: Die Bibel ist kein Geschichtsbuch

Dieser Mythos ist besonders beharrlich. Gerade gestern abend habe ich es wieder in einem Vortrag gehört: Man darf die Bibel nicht lesen wie ein Geschichtsbuch. Warum eigentlich nicht? Die Bibel erzählt Geschichte, und sie erzählt sie realistischer und nüchterner als alle anderen Quellen, die wir aus der damaligen Zeit haben. Wo in babylonischen Mythen die Entstehung der Welt als ein kosmisches Spektakel, als wundersame Hochzeit von Himmel und Erde erzählt wird, da stellt die Bibel nüchtern fest: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Wo sich andere Kulturen allerlei Geschichten über die Abenteuer von Mondgott und Sonnengott erzählen, da sagt die Bibel fast spöttisch: „Und Gott hängte zwei Lichter an den Himmel“. Das wird statt Mythos Geschichte geschrieben. Genauso ist es auch in späterer Zeit: Wo an den Königshöfen der Ägypter und Assyrer nur Heldengeschichten über die Herrscher erzählt wurden, wo sogar aus der bittersten Niederlage noch ein Sieg konstruiert wurde, da erzählt die Bibel schonungslos von Schuld, Versagen, Ehebruch und Mord im Haus der Könige Israels. Da wird statt Heldenepos realistische Geschichte geschrieben.

Lukas – ein christlicher Geschichtsschreiber

„Nachdem es schon viele unternommen haben, Bericht zu geben von den Ereignissen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns diejenigen weitergegeben haben, die von Anfang an Augenzeugen waren und Diener des Wortes wurden, habe auch ich es nun für gut gehalten, zuerst alles von Anfang an genauestens zu untersuchen, um es dann dir, verehrter Theophilus, der Reihe nach auchzuschreiben, damit du die sichere Grundlage für die Lehre erfährst, in der du unterwiesen worden bist.“ Dieses Vorwort des Lukasevangelium entspricht genau dem Stil antiker römischer Geschichtsschreiber. Tacitus zum Beispiel schreibt im Beginn seiner „Annalen“: „Die glückliche oder unglückliche Geschichte des alten römischen Volkes haben ja schon berühmte Schriftsteller dargestellt (…). Daher habe ich mich entschlossen, kurz über Augustus, und zwar seine letzten beiden Regierungsjahre, zu berichten, und danach die Regierungszeit des Tiberius und alles andere darzustellen, ohne Haß und Sympathie, wozu ich überhaupt keinen Grund habe“.

Lukas und Tacitus wollen beide über Ereignisse der Vergangenheit berichten. Beide benutzen dazu Berichte und Quellen anderer Schreiber und Zeugen. Das allein macht sie nicht unglaubwürdig. Beide verfolgen mit dem, was sie schreiben, eine Absicht: Lukas möchte die Wahrheit des Christentums bezeugen, Tacitus die Wahrheit seiner stoischen Staatsphilosophie. Auch das macht sie noch nicht unglaubwürdig. Aber was die beiden unterscheidet, ist ihre Nähe zu den Ereignissen: Tacitus schreibt über Vorgänge, die über 100 Jahre vor seiner Zeit liegen. Lukas schreibt über Ereignisse, die er selbst erlebt hat. Zu Tacitus Zeiten gab es schon lange keine lebenden Augenzeugen mehr. Lukas dagegen hat fast alle Jünger Jesu, dazu seine Mutter und seine Brüder selbst kennengelernt und sie über Jesus befragt. Außerdem wird das, was er schreibt, durch die Berichte von zwei Augenzeugen und engen Freunden Jesu bestätigt, nämlich von Johannes und Matthäus. Markus war persönlicher Begleiter und Übersetzer des Petrus, und auch er bestätigt den Bericht des Lukas.

Wenn man Lukas mit allen anderen verfügbaren Quellen über die Antike vergleicht, muß man sagen: Nirgends sonst haben wir einen so unmittelbaren, zuverlässigen und gut belegten historischen Bericht wie in seinem Evangelium. Die Bibel ist zwar mehr als ein Geschichtsbuch, aber sie ist eben ‘auch’ ein Geschichtsbuch.

Mythos Nr.5: Unterschiede in den Evangelien machen die Bibel unglaubwürdig

Nach dem Tode Mohammeds ließ der vierte Kalif alle im Umlauf befindlichen Aufzeichnungen über Worte des Propheten Mohammed einsammeln. Er stellte daraus die amtliche Version des Koran zusammen und ließ alle abweichenden Versionen verbrennen. So gibt es bis heute nur eine einzige, immer gleichlautende Fassung des Koran, die weder übersetzt noch in modernes Arabisch übertragen werden darf.

Die christliche Kirche ging mit den Berichten von Jesus anders um: Sie bewahrte die ursprünglichen Berichte der Augenzeugen, auch wenn diese unterschiedlich und zum Teil widersprüchlich waren. Verschiedene Zeugen hatten dieselben Ereignisse unterschiedlich erlebt und wahrgenommen. Damit jedoch keine Einzelheit verlorenging, hat man nicht nur einen der Berichte verbreitet und die anderen vernichtet, sondern die vier Evangelien nebeneinander stehenlassen.

Gerade die Unterschiede in den Evangelien sind unschätzbar wertvoll: Denn nur so wissen wir, daß wir es nicht mit einer späten Legende, einer zensierten und geglätteten kirchlichen Version, sondern mit authentischen Berichten zu tun haben. Jeder, der sich mit Computergrafik auskennt, weiß, daß man mindestens zwei Fotos aus zwei verschiedenen Blickwinkeln benötigt, um eine lebensechte, dreidimensionale Grafik zu rekonstruieren. Mehr Fotos führen zu mehr Genauigkeit. So führen die unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Berichte der Evangelien letztlich zu einem genaueren Wissen über die tatsächlichen Ereignisse.

Mythos Nr.6: Nur Theologen verstehen die Bibel wirklich

Im Mittelalter wurde es dem ‘gemeinen Volk’ verboten, die Bibel zu lesen. Die Kirche wollte sich das Monopol behalten, die Bibel richtig und verständig auszulegen. Noch im vergangenen Jahrhundert warnte eine Verlautbarung des Papstes vor der ‘anteckenden Seuche der Bibelgesellschaften’. Heute, wo man Bibeln allerorts kaufen kann, gibt es eine neue Form der kirchlichen Zensur: Man bringt den Leuten schon in der Schule bei, daß man mindestens Theologie studiert haben muß, um die Bibel richtig lesen zu können. In Wirklichkeit steckt dahinter heute wie damals die Angst der Theologen, das ‘einfache Volk’ könnte das Dynamit entdecken, das in der Bibel steckt. Es könnte ja auf die Idee kommen, die Bibel ernst zu nehmen und danach zu leben. Wohin würde das führen? Die Erfahrung zeigt: Menschen, die die Bibel einfach so lesen, wie sie geschrieben ist, entdecken ihre Wahrheit viel leichter als die, die nach einem langen Studium meinen, sie könnten die Bibel neu schreiben.

Wem soll man glauben?

Man könnte noch viele Mythen aufzählen, die heute über die Bibel verbreitet werden. Und man könnte noch viele Gründe für die Glaubwürdigkeit der Bibel nennen: Die Entdeckungen der neueren Archäologie. Die Übereinstimmungen mit den Berichten nichtchristlicher Geschichtsschreiber. Die Erfüllung der Voraussagen des Alten Testaments. Die Erfahrungen, die Menschen bis heute mit der Bibel machen.  Und so weiter.

Was spricht andererseits gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel? Eigentlich nur das Wort einiger Religionslehrer, Pfarrer und Professoren. Am Ende stehen wir also vor einer Glaubensfrage: Glauben wir den Theologen, deren Meinung sich mit jeder neuen Wendung des Zeitgeistes ändert? Oder glauben wir der Bibel, deren Kraft sich durch die Jahrhunderte gezeigt hat? Ich persönlich halte die Bibel für die verläßlichere Wahl.


Quelle: Warum ich lieber der Bibel glaube  – dran 6/1997, 20-22 (815 kB)

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