Zerrbilder und Missverständnisse des Judentums

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Jesus, der fremde Jude (Teil 2)

Wer Jesus richtig verstehen möchte, muss ihn als Juden verstehen. Aber was machte eigentlich einen Juden zur Zeit Jesu aus? Unser Bild und unsere Vorstellungen vom Judentum sind möglicherweise viel weniger durch die Bibel und durch historische Tatsachen geprägt als durch 2000 Jahre Kirchengeschichte sowie durch die Brille christlicher und westlicher Kultur.

Wir alle wissen, dass die Geschichte unserer Kirche, insbesondere in Deutschland, immer wieder von Missverständnissen, Entfremdung und streckenweise auch von offener Feindschaft gegenüber dem Judentum geprägt war. Könnte es da nicht sein, dass auch heute in unseren Köpfen und Herzen noch Zerrbilder vorhanden sind, die nicht nur unser Bild vom Judentum, sondern auch unser Bild von Jesus verfälschen? Meine Begegnungen mit dem lebendigen Judentum im Land Israel haben mir jedenfalls immer wieder auf überraschende Weise gezeigt, wie sehr auch mein Bild vom Judentum immer noch von Klischees und Vorurteilen geprägt ist, und das nach vielen Jahren schulischer Holocaust-Verarbeitung in allen Facetten, einem ausführlichen Studium der Theologie und langen Jahren des Bibellesens und Predigthörens.

Die Juden im Kopf…

Bevor ich nach Jerusalem zog, gab es in meinem Kopf, grob gesagt, drei Kategorien von Juden: Da gab es  die Juden aus dem Geschichtsunterricht, die Juden aus dem Religionsunterricht und die Juden aus der Bibel. Die Juden aus dem Geschichtsunterricht waren die, die früher in Deutschland lebten. Ich wusste nicht viel über ihren Glauben und ihr Leben, nur dass sie eine reiche religiöse Tradition hatten, dass sie außerdem gute deutsche Staatsbürger waren, und dass sie trotzdem verfolgt und umgebracht worden waren. Aber diese Juden gab es ja nicht mehr. Die Juden aus dem Religionsunterricht dagegen waren ganz anders: Sie lebten vorzugsweise in Israel, sie feierten am laufenden Band bunte und fröhliche Feste, sie aßen gut und sangen viel, sie schwenkten Israelfahnen, kannten alle ihre Bibel auswendig und tanzten den ganzen Tag Volkstänze. Vor allem aber beteten sie unaufhörlich und glauben allesamt von Herzen an Gott. Und viele von ihnen wohnten obendrein noch im Kibbutz. Die Juden aus der Bibel dagegen waren wieder anders. Das waren nämlich die, mit denen Jesus zu tun hatte: Sie waren vor allem gesetzlich, engstirnig und verbohrt. Sie waren ausgrenzend und herzlos gegenüber Kranken, Frauen und Ausländern und vor allem feindselig allen Nichtjuden gegenüber. Wenn sie Gebote einhielten, dann stets „peinlich genau“, „ängstlich“ oder „übermäßig streng“. Gerne auch nur, um sich vor Menschen gut darzustellen oder im Himmel Punkte zu verdienen. Eigentlich aber suchten sie stets nach Wegen, die Gebote trickreich zu umgehen. Sie waren der dunkle Hintergrund, gegen den Jesus und seine Jünger sich umso heller heraushoben. Die Juden aus der Bibel lebten stets nach den Geboten des Alten Testamentes, und zwar ohne diese auszulegen oder zu interpretieren. Sie fragten auch nicht nach dem Sinn, sondern stets nur nach dem Buchstaben des Gesetzes. Überhaupt glaubten und dachten „die Juden“ aus den Predigten immer alle das Gleiche. Da schien es keine unterschiedlichen Meinungen, Richtungen oder Ansichten zu geben wie bei uns Christen. Und wenn einmal (was selten vorkam) der Ausspruch eines jüdischen Rabbis zitiert wurde, dann sprach er damit automatisch für alle Juden von damals – etwa so, als ob bei uns der Papst oder Billy Graham stets für alle Christen von heute sprächen.

… und im wirklichen Leben

Als ich zum ersten Mal nach Jerusalem kam, war ich ziemlich erstaunt, dass die meisten Juden, die ich traf, gar nicht so waren wie meine Klischees. Weder sangen sie den ganzen Tag Hava Nagila, noch machten sie den Eindruck, als seien sie besonders geknechtet unter ihren unzähligen Gesetzen. Vor allem aber, und das war vielleicht das Verwunderlichste, waren sie gar nicht alle gleich! Es gab gläubige, nicht so gläubige und ganz ungläubige. Konservative und liberale, gebildete und ungebildete. Und bei fast allen, denen ich begegnete, vermisste ich die Gesetzlichkeit, die Kleingeistigkeit und den ängstlichen, unerlösten Gottesglauben, von dem ich zu Hause so viel gehört hatte. Stattdessen lernte ich Juden kennen, die ganz ähnlich wie ich an Gott glauben und ganz ähnlich wie ich ihre Bibel lesen. Ich hörte Predigten über Abraham und Jesaja, die durchaus auch in unsere Gottesdienste gepasst hätten. Gebete, die ich ohne wenn und aber mitsprechen konnte. Natürlich fehlte mir überall Jesus, aber darin unterscheiden wir uns nun einmal. Das braucht man nicht zu leugnen und tut es auch nicht. Abgesehen davon jedoch war vieles, was ich hier hörte, unerwartet ähnlich mit dem, was ich von Jesus her kannte: Ein liebender Vater im Himmel. Erlösung aus Gottes Gnade und nicht durch eigene Werke. Gottes wundervoller Plan für unser Leben. Sein Angebot der Versöhnung. Seine Einladung zu einem neuen, veränderten Leben und der Auftrag, die Welt zum Besseren zu gestalten und Menschen zum Glauben einzuladen.

Zurück zum Neuen Testament

Irritiert und inspiriert durch solche Begegnungen habe ich angefangen, unseren christlichen Umgang mit der Bibel mit neuen Augen zu sehen. Mir fiel auf, wie oft unsere Predigten und unsere Bibelauslegungen bis heute aus einem oft mühsam konstruierten Gegensatz zum Judentum heraus leben: „Die Juden litten unter dem Gesetz, Jesus aber brachte die Freiheit vom Gesetz. Die Juden hassten die Heiden, Jesus aber liebte sie. Die Juden schlossen die Kranken und Sünder aus, Jesus aber nahm sie an. Die Juden mussten sich den Himmel verdienen, bei Jesus war der Eintritt frei. Den Juden kam es auf Äußerlichkeiten an, Jesus aber auf das Herz…“ Manchmal scheint es fast so, als würde Jesus erst dadurch einzigartig, dass er sich von seiner jüdischen Umwelt unterscheidet. Aber das ist ja nicht die Botschaft des Neuen Testaments: Einzigartig ist Jesus, weil in ihm Gott selbst in die Welt kam, um sich ganz für uns hinzugeben. Das Besondere aber liegt gerade darin, dass er „in allem so wurde wie wir“ (Heb. 4,15): Ein Mensch unter Menschen, ein Jude unter Juden. Wenn Jesus, wie wir es glauben, der von Gott gesandte Messias des Volkes Israel ist, warum legen wir dann so viel Wert darauf, dass er so „ganz anders“ war als das Volk Israel?

Fakten statt Klischees

Vor allem aber stellte sich mir die Frage: Wie viel von unseren christlichen Klischees über das Judentum entspricht tatsächlich der Wahrheit? Wenn die Juden, denen ich heute begegne, so anders sind als die Klischees in meinem Kopf, vielleicht waren dann ja auch die Juden zur Zeit Jesu ganz anders?  Vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht, „die Juden“ der Zeit Jesu. Genau so wenig, wie es „die Christen“, „die Deutschen“, „die Türken“, „die Männer“ oder „die Frauen“ gibt. Ich bin jedenfalls vorsichtiger geworden in meinen Urteilen darüber, wie Juden damals dachten, wie sie lebten, was sie glaubten. Als innere Kontrolle habe ich mir beim Bibellesen ein paar Verhaltensregeln gesetzt: Ich denke an meine jüdischen Freunde in Israel und frage mich: Wie würden sie diese Sache wohl sehen? Was würden sie dazu sagen? Würden sie sich wiederfinden in dem, was ich in meinen Predigten über „die Juden“ sage? Und wenn ich mir nicht sicher bin, dann informiere ich mich in Büchern oder auf jüdischen Internetseiten, welche jüdischen Ansichten es z.B. zum Heilen am Sabbat, zum Umgang mit Aussätzigen, zur Stellung der Frau, zum Gebet oder zu Reinheitsgeboten gibt. Und was wir aus den geschichtlichen Quellen des Judentums darüber wissen können. Gab es wirklich den sprichwörtlichen jüdischen „Hass auf die Römer“? Stimmt es, dass Aussätzige in der jüdischen Gesellschaft geächtet waren? Durften jüdische Lehrer wirklich nicht bei Zöllnern essen? Empfanden Juden die Gebote als ein Gefängnis oder eine Bürde? Und ist es wahr, dass die Juden zur Zeit Jesu vor allem einen politischen Messias erwarteten? Es ist immer wieder erfrischend, zu diesen Fragen etwas zu lesen, das nicht durch die „christliche Brille“ gefärbt ist. Vor allem aber merke ich, dass viele dieser Klischees sich zwar vielfach in christlichen Büchern und auf christlichen Internetseiten finden, dass man aber auf in jüdischen Büchern und auf jüdischen Seiten vergeblich danach sucht. Woher also stammen die Klischees? Oft ist es wie mit der berühmten Spinne in der Yucca-Palme: Irgendwann entstehen solche „Wanderlegenden“, aber sie lassen sich weder auf das Neue Testament noch auf andere jüdische Quellen aus der Zeit Jesu zurückführen. Ihr Ursprung liegt irgendwo in einer langen und tragischen Geschichte der Entfremdung und des Missverständnisses zwischen Juden und Christen.

Als Bibelleser sollten wir daher wachsam sein – und neugierig. Wachsam gegenüber liebgewordenen und verbreiteten Zerrbildern, die wir ungeprüft aus Büchern, Predigten oder von Eltern und Lehrern übernommen haben. Neugierig aber sollten wir auch sein, mehr zu lernen über den jüdischen Glauben, das jüdische Leben und die jüdische Geschichte. Weder das Klischee vom gesetzlichen und unbarmherzigen Betonkopf noch das Klischee vom immer tanzenden und immer betenden Vorzeige-Juden helfen uns hier weiter. Auf ihre Weise sind beide judenfeindlich, weil sie „die Juden“ in eine Schublade stecken. Stattdessen brauchen wir aber eine Offenheit Juden so kennen zu lernen, wie sie sind und wie sich selbst sehen. So können wir sie besser verstehen, wenn wir ihnen heute begegnen. Und wir werden sie besser verstehen, wenn wir ihnen im Neuen Testament begegnen.

Zum Weiterlesen:

Eine gute und verständliche Selbstdarstellung des jüdischen Denkens und Lebens bietet das Buch „Wie Juden leben“ von Israel Meir Lau, dem derzeitigen Oberrabbiner von Tel Aviv und langjährigen Oberrabbiner Israels.

Eine vielseitige, wenn auch etwas unübersichtliche deutsche jüdische Internetplattform ist http://www.judentum.org. Zum Nachschlagen einzelner Stichworte nutze ich gern das zwar veraltete und englische, aber dafür im Internet frei zugängliche jüdische Lexikon http://www.jewishencyclopedia.com. Sehr modern, interaktiv und anschaulich, aber leider auch nur englisch, ist außerdem die jüdische Plattform www.aish.com.


Quelle: Über Zerrbilder und Missverständnisse des Judentums – Faszination Bibel 1/2011, S. 12-14 (7 MB)

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