Wie verhasst waren die Römer?

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Jesus und die Außenseiter (Teil 4)

[Immer wieder hört man in Predigten und Bibelauslegungen, dass Menschen, denen Jesus begegnete, im Judentum „ausgegrenzt“, „geächtet“, „ausgestoßen“ oder „verhasst“ waren. Aber war das Judentum wirklich eine so ausgrenzende und hasserfüllte Religion? Im vierten Teil der Serie widmet sich der Autor dem Verhältnis zwischen Juden und Römern.]

Wir alle kennen die Bilder: Sei es aus dem Filmklassiker „Ben Hur“, aus dem „Leben des Brian“ oder auch aus der Predigt vom letzten Sonntag: Ganz Israel ist von den Römern besetzt, und bei den Juden sind die Römer deshalb verhasst. Fast täglich kommt es irgendwo zu Volksaufständen, die brutal niedergeschlagen werden müssen. Und fast in jedem Hause versteckt sich im Keller eine geheime Zelle des Widerstandes: Die Zeloten, eine jüdische Untergrundbewegung, sind allgegenwärtig. Und sie verüben, wo immer sie können, terroristische Anschläge gegen die römischen Besatzer.  Wer das Wort „Römer“ in den Mund nimmt, tut dies nur mit Abscheu. Und jeder Jude, der mit den fremden Herrschern kollaboriert, gilt als Verräter und Ausgestoßener. Alle Juden wollten nichts sehnlicher, als die Römer aus ihrem Land zu vertreiben. Und der Messias, auf den sie warteten, würde genau das tun.

Klischee oder Realität?

Aber dann gibt es da auch noch jene andere Szene aus der Filmparodie, in der ein Zelotenführer eine flammende Rede vor seinen Kämpfern hält und fragt: „Was haben uns die Römer denn schon Gutes gebracht?“ Worauf überraschend jede Menge unerwünschter Antworten aus der Menge erklingen: „Den Aquädukt. Die sanitären Anlagen. Die schönen Straßen. Sicherheit für unsere Frauen. Und den Frieden…“ Wie steht es also wirklich mit dem sprichwörtlichen „Hass“ der Juden auf die Römer? Gibt es dafür Belege in den Quellen aus der Zeit Jesu? Oder speist sich dieses Bild auch, wie so viele andere, aus dem grundsätzlichen Vorurteil, dass die Juden „das ganze Menschengeschlecht hassen“, wie es einer der antiken römischen Schriftsteller formulierte? [1]

Der wichtigste Informant: Ein Römerfreund

Woher können wir eigentlich wissen, ob die Römer bei den Juden beliebt oder verhasst waren? Die einzigen Informationen, die wir haben, sind die antiken Quellen aus der Zeit des Neuen Testaments. Das Problem dabei ist jedoch: Diese Quellen sind ja selbst nicht immer ganz unvoreingenommen. Unser wichtigster Zeuge etwa über die politischen Verhältnisse zur Zeit Jesu ist der Schriftsteller Flavius Josephus. Er ist selbst eine schillernde Persönlichkeit und nicht ganz unbeteiligt am Konflikt zwischen Römern und Juden: Er selbst kämpfte als Anführer im jüdischen Krieg gegen die Römer (66-70 n.Chr.) und geriet in Gefangenschaft. Sein Leben rettete er, indem er auf die Seite der Römer wechselte und ihnen als Berater bei der Belagerung Jerusalems zur Seite stand. Nach dem Ende des Krieges setzte er sich in Rom zur Ruhe und schrieb zwei Bücher über  die Geschichte der Juden. Erwartungsgemäß fällt seine Darstellung der Römer sehr positiv aus: Die Römer sind demnach nicht die „Besatzer“, sondern die Befreier Israels:

Die Römer als Befreier

Als der römische Feldherr Pompeius 63 v. Chr. in Jerusalem einmarschierte, wurde er dort nach dem Bericht des Josephus von der Bevölkerung „mit offenen Armen empfangen“[2]. Warum? Weil die derzeit regierenden jüdischen Könige ständig miteinander im Streit lagen und sich zudem wie Tyrannen aufführten. Die Römer erfüllten diesen Wunsch der Juden jedoch nicht, sondern setzten weiterhin jüdische Könige als Herrscher über die neue Teilprovinz Judäa ein. Der berühmteste von ihnen war Herodes (der übrigens trotz seiner idumäischen Abstammung ein Jude war). Einige Jahre nach dem Tod des Herodes jedoch, so berichtet Josephus, habe eine Delegation des jüdischen Volkes erneut in Rom vorgesprochen: „Ihr wichtigstes Anliegen war nun nur dieses: Dass sie befreit würden von Königtümern aller Art, und stattdessen der römischen Provinz Syrien zugeordnet und der Herrschaft von römischen Statthalter unterstellt würden, die von Rom entsandt werden sollten.“[3]

Garanten der Religionsfreiheit

Nach den Berichten des Josephus sahen die Juden in den Römern vor allem eine Schutzmacht, die ihnen, im Gegensatz zu anderen Fremdherrschern der Vergangenheit, weitgehende Religionsfreiheit garantierte. Nur hin und wieder gab es Ausnahmen von dieser Regel: Dann, wenn römische Soldaten oder Statthalter aus Unkenntnis oder Bosheit religiöse Gefühle der Juden verletzten. Sie wurden dafür aber auch regelmäßig von ihren römischen Vorgesetzten zur Rechenschaft gezogen oder sogar streng bestraft. Josephus berichtet von etwa einer Handvoll solcher Vorfälle, bei denen es zu spontanen gewaltsamen Tumulten und Ausschreitungen unter der jüdischen Bevölkerung kam. Auf einen Zeitraum von fast 140 Jahren verteilt, sind das aber nicht sehr viele. Werden sie allerdings in einer Predigt oder einem Buch hintereinander aufgezählt, dann entsteht leicht der Eindruck, als habe in Israel zu jedem Zeitpunkt eine explosive Stimmung geherrscht, die leicht überkochen konnte, und als seien Proteste gegen die Römer an der Tagesordnung gewesen. Nach dem Bericht des Josephus jedoch waren die Römer bei der jüdischen Bevölkerung im Grunde sehr beliebt und wurden dankbar als Friedensstifter aufgenommen.

In der Hand von Extremisten

Die Stimmung kippte erst in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts, also etwa 20 Jahre nach dem Tod Jesu, als die Religionspolitik der römischen Kaiser immer restriktiver wurde. Aber selbst in dieser Zeit waren es, nach der Darstellung des Josephus, nur kleine Gruppen von militanten „Räubern“, die die Bevölkerung zum Aufstand gegen die Römer anstachelten. So sei es schließlich im Jahr 66 n.Chr. zum offenen Krieg gegen die Römer gekommen, in den die Mehrheit der Bevölkerung eher widerwillig hineingezogen worden sei. Am Ende verschanzte sich eine kleine Truppe extremistischer Kämpfer in Jerusalem und nahm die Einwohner der Stadt als Geiseln. Bei Todesstrafe wurde es verboten, sich dem Feind zu ergeben, und auf dem Höhepunkt der Belagerung verbrannten diese Extremisten sogar die Lebensmittelreserven der Stadt, um die Bevölkerung zum Kampf zu zwingen. Glaubt man also dem Bericht des Josephus, so waren die Römer bei der jüdischen Bevölkerung eigentlich immer sehr beliebt. Nur hin und wieder kam es zu Missverständnissen, und deshalb gab es Ausschreitungen. Der Krieg gegen die Römer jedoch wurde von einigen Extremisten gegen den Willen des Volkes angezettelt. Diese Sicht der Dinge ist natürlich zu schön, um wahr zu sein. Die meisten Historiker glauben ihr daher nicht uneingeschränkt.

Glaubwürdigere Quellen?

Unser Problem ist jedoch: Auch andere jüdische Quellen können das Bild von den „verhassten Römern“ nicht bestätigen. Zu den ältesten Geschichtsberichten über die Römer zählt etwa das erste Buch der Makkabäer, das sich in den Apokryphen findet. Es berichtet vom Aufstand der Juden gegen die griechischen Seleukidenherrscher (ca. 167 v. Chr.). Diese hatten in der Tat die jüdische Religion verboten und blutig verfolgt, sie hatten den Tempel entweiht und dort dem heidnischen Gott Zeus Schweine als Opfer dargebracht. Im Buch der Makkabäer nun erscheinen die Römer ebenfalls, wie bei Josephus, als Verbündete und Freunde, die den Juden bei ihrem Freiheitskampf gegen die Seleukiden helfen und ihnen Religionsfreiheit zusichern.[4] Auch in diesem Buch findet sich kein schlechtes Wort über die Römer, obwohl es gegen andere Fremdherrscher wahrhaft kein Blatt vor den Mund nimmt.

Qumran: Geistlicher Kampf ohne Waffen

Die Schriftrollen von Qumran, die etwa in der gleichen Zeit entstanden, erwähnen die Römer nicht direkt. Zwar ist dort von einem symbolischen Kampf der „Kinder des Lichts“ gegen die „Kinder der Finsternis“ die Rede, aber das bezieht sich wohl eher auf den Kampf der Guten gegen die Bösen im Allgemeinen. Daran, die Römer gewaltsam aus dem Land zu vertreiben, dachte aber in Qumran wohl niemand. Jedenfalls findet sich davon nichts in den Schriften von Qumran.

Die Psalmen Salomos: Ein Messias, der die Feinde vertreibt

Die vielleicht deutlichste Aussage zu einem „kämpferischen Messias“, der die Feinde vertreibt, findet sich in einer jüdischen Schrift mit dem Titel „Psalmen Salomos“, die irgendwann im ersten Jahrhundert vor oder nach Christus entstand. Dort ist in der Tat die Rede von einem messianischen König, der alle Heiden und Sünder aus der Heiligen Stadt Jerusalem vertreibt. Allerdings tut er dies nicht mit militärischer Gewalt, sondern „mit dem Worte seines Mundes“.[5] Und Römer sind auch hier nicht ausdrücklich erwähnt. Wie in Qumran, geht es auch hier viel grundsätzlicher um den Sieg Gottes über alles Böse, nicht nur um einen militärischen Sieg gegen die Römer.

Philo von Alexandrien: Freund römischer Kultur

Eine weitere wichtige Quelle für das Judentum der Zeit Jesu sind die Schriften des jüdischen Philosophen Philo: Er lebte in Alexandria, wo ebenfalls die Römer herrschten, und hatte sich mit der römischen und griechischen Kultur bestens arrangiert. Einer seiner Brüder hatte enge Beziehungen zum römischen Kaiser Claudius, ein anderer war Ratgeber des römischen Präfekten von Ägypten. Philo hatte also überhaupt keinen Grund und auch kein Interesse, Schlechtes über die Römer zu schreiben. Sein Ziel war es vielmehr, Römer und Griechen von der Wahrheit des jüdischen Glaubens zu überzeugen, indem er ihnen nachwies, dass die besten Ideen und Gedanken der griechischen Philosophen und Künstler in Wirklichkeit schon in der Bibel zu finden seien.

Die Rabbinen: Diplomatische Zurückhaltung

Und auch in den Schriften der rabbinischen Lehrer findet sich der sprichwörtliche Hass gegen die Römer ebenso wenig wie der Wunsch, die Römer aus dem Land zu vertreiben. Nun kann man dies hier, wie bei Josephus, auf die besondere Situation zurückführen, in der diese Schriften entstanden: Sie wurden alle erst mehr als hundert Jahre nach dem Ende des jüdischen Krieges gegen die Römer aufgeschrieben. In einer Zeit also, in der es keinen jüdischen Staat mehr gab und die Juden als Minderheit in der Zerstreuung über das ganze römische Reich verteilt lebten. In solch einer Situation tut man gut daran, Romfeindliche Gefühle, selbst wenn man sie hat, gut zu verbergen, und das nachbarschaftliche Miteinander zu suchen. Diese Haltung spiegeln deshalb auch die rabbinischen Schriften wider: Zwar grenzt man sich deutlich gegenüber dem heidnischen Glauben ab, aber man sucht die gesellschaftliche Integration und den nachbarschaftlichen Frieden (siehe dazu auch mein Beitrag über „Juden und Heiden“ in der vorangehenden Ausgabe).

Ein Gleichnis der Koexistenz

Die diplomatische Position der Rabbinen wird vielleicht am Besten in einem Gleichnis deutlich, das Rabbi Josua ben Hananja erzählt haben soll, als es im Jahr 120 n.Chr. beinahe zu einem Volksaufstand gegen die Römer gekommen wäre, weil diese den Wideraufbau des Tempels nach dem jüdischen Krieg verboten hatten: „Einem Löwen, der seine Beute zerfleischte, blieb ein Knochen im Halse stecken. Da sagte er: ,Wer kommt und ihn mir herauszieht, den belohne ich“. Es kam nun der Kranich, der einen langen Schnabel hat, und zog den Knochen mit seinem Schnabel heraus. Als er aber vom Lösen seinen Lohn erbat, antwortete dieser: „Gehe und freue dich, dass du unversehrt aus dem Rachen des Löwen entkommen bist, so wie du hineinkamst. Daher: Lasst uns damit zufrieden sein, wenn wir auch den Römern in Frieden begegnen und am Ende auch im Frieden wieder herauskommen“[6]

Und die Zeloten?

Was ist nun aber mit den Zeloten, die in Büchern, Filmen und Predigten doch so allgegen­wärtig sind? Eine militärische Kämpfertruppe mit dieser Bezeichnung entstand laut den Berichten des Josephus erst kurz vor dem jüdischen Krieg.[7]  Zur Zeit Jesu existierte diese Art von „Zeloten“ also noch nicht. Man vermischt hier oft die späteren „Zeloten“ mit ihren Vorläufern, etwa den von Josephus oft erwähnten „Räuberbanden“, die das Land unsicher machten und sowohl römische Truppen als auch reiche jüdische Land­besitzer überfielen und ausraubten. Diese waren aber keine „Widerstandskämpfer“ im späteren Sinne. Auch die sogenannten „vierte Philosophie“, die im Jahr 6 n.Chr. einen Steuerboykott gegen die Römer organisierte, ist nicht mit den „Zeloten“ identisch. Ihr Boykott war erstens gewaltlos und richtete sich zweitens nicht nur gegen eine römische Herrschaft, sondern auch gegen die jüdischen Könige, weil nach dieser Philosophie „Gott allein“ der König Israels sein sollte. Die sogenannten „Sikarier“ (Attentäter)  schließlich treten bei Josephus erst ab dem Jahr 60 n.Chr. in Erscheinung.[8] Es gab allerdings eine Gruppe von religiösen „Eiferern“ rund um den Tempel von Jerusalem. Ihr Augenmerk richtete sich nicht in erster Linie gegen die Römer, sondern auf die Reinheit des Tempels. Man könnte sie vielleicht eher mit der iranischen „Sittenpolizei“ vergleichen. Auf hebräisch nannten sie sich „Qannaim“ (Eiferer),  und ihr Vorbild war der Eiferer Pinhas aus dem Alten Testament.[9] Wenn Paulus sich selbst als ehemaligen „Eiferer“ (gr. Zelotes) bezeichnet[10], dann meint er damit vermutlich diese Gruppe. Es würde dazu passen, dass er die christliche Gemeinde verfolgte und sich dafür sogar eine offizielle Lizenz des Hohepriesters einholte.[11] Auch „Simon, der Zelot“[12], der zu den Jüngern Jesu zählte, war vermutlich weder ein „ehemaliger Terrorist“ noch ein „Freiheitskämpfer“, sondern ebenfalls ein Angehöriger dieser religiösen Sittenwächter.

Ein beschönigtes Bild?

Zieht man ein Fazit aus den historischen Quellen, dann fällt es schwer, das traditionelle Bild von den „verhassten Römern, die die Juden aus dem Land vertreiben wollten“ aufrecht zu halten. Das Makkabäerbuch lobt die Römer als Beschützer und Freunde, Josephus betont, dass den Juden die römischen Statthalter lieber waren als ihre eigenen jüdischen Könige. Der Philosoph Philo ist begeisterter Anhänger der griechisch-römischen Kultur und die Rabbinen ermutigen zu friedlicher Nachbarschaft trotz ihrer leidvollen Diaspora-Situation. Man muss alle diese Quellen schon deutlich gegen den Strich bürsten, um ihnen das Gegenteil von dem zu entlocken, was sie eigentlich sagen. Das aber tun viele Bibelausleger heute, in dem sie sagen: Der Hass und die Feindschaft gegen Rom sind nur deshalb in den Quellen nicht zu finden, weil niemand sich traute, es aufzuschreiben. Das mag zwar sein, aber woher will man das wissen, wenn es eben keine Belege mehr gibt? Besser wäre es also, man würde auf das Klischee verzichten, wenn es doch in den jüdischen Texten aus der Zeit Jesu nirgendwo ausdrücklich anzutreffen ist. Jedenfalls nicht als etwas, das typisch war für das jüdische Denken und den jüdischen Glauben in der Zeit Jesu.

 

[1] Tacitus, Hist. 5,5

[2] Josephus, Jüdische Altertümer 14,41-45.58-60

[3] Josephus, Altertümer 17, 300.304.311-314

[4] 1. Makk 8,17-29; 15,15-20

[5] Psalmen Salomos 17,1-3

[6] Midrasch Genesis Rabbah 64,10

[7] Josephus 2,651; 4,160

[8] Josephus Altertümer 20,186.

[9] 4.Mose 25,6-13; Mischna Sanhedrin 9,6; Babylonischer Talmud, Avoda Zara 36b; Sanhedrin 82b; Josephus Altertümer 3,151; Jüdischer Krieg 2,564.

[10] Gal 1,14; Apg 22,3

[11] Apg 9,1-2

[12] Luk 6,15; Apg 1,13; in Mt 10,4 wird die hebräische Bezeichnung „Qannai“ genannt.


Quelle: Wie verhasst waren die Römer? – Faszination Bibel 2/2014, S. 36-39 (4,3 MB)

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