Jüdische Feste – Christliche Gäste

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Seit mehr als drei Jahren wohnen wir jetzt in Jerusalem, und mittlerweile ist der jüdische Festkalender uns schon ein wenig ins Blut übergegangen: Was am Anfang noch fremd und aufregend war, ist inzwischen fester Bestandteil unserer Jahresplanung. Und das entsprechende Plugin für Outlook ist auch schon installiert.

Da sind zunächst einmal die großen biblischen Wallfahrtsfeste: Passa, das Fest zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten, das mit unserem Osterfest zusammenfällt. Schawuot, das Wochenfest, das an die Gabe der zehn Gebote erinnert und unserem Pfingstfest entspricht. Und Sukkot, das Laubhüttenfest, das im Herbst gefeiert wird, als Erinnerung an die Wanderung durch die Wüste, aber auch als Ausblick auf das „gelobte Land“ – Gottes Zukunft mit uns. Dann ist da Jom Kippur, der große Versöhnungstag im Herbst, an dem Schuld gegenüber Menschen und gegenüber Gott bereinigt wird. Und dazwischen noch die kleineren Feste: Hannuka, das Fest der Tempeleinweihung im Dezember. Purim, ein fröhliches Fest mit bunten Verkleidungen, mit dem man die Rettung der Juden unter Königin Esther feiert. Rosh Ha-Schana, das Neujahrsfest, das aber schon im Herbst gefeiert wird.

Zu Gast bei Freunden

Das letzte Neujahrsfest haben wir mit einigen unserer jüdischen Freunde zusammen gefeiert. Unsere gegenseitigen Einladungen haben mittlerweile Tradition – jedes Jahr zu Weihnachten sind nämlich sie bei uns zu Gast, singen mit uns „Tochter Zion, freue dich“ und „Rudolf, das rotnasige Rentier“ und genießen anschließend mit uns das Festessen.

Aber genau hier zeigt sich auch schon ein wichtiger Unterschied zwischen ihrer Feier und unserer Feier: Während bei uns, in guter christlicher Tradition, das geistliche Programm vor dem gemeinsamen Essen stattfindet und beides sorgsam voneinander getrennt ist, gehört es beim jüdischen Fest untrennbar zusammen. Mehr noch: das Essen ist das eigentliche geistliche Programm. Denn in einem guten Essen zeigt sich die Güte Gottes. Und alles, was man ißt, hat auch eine besondere Bedeutung:

Mehr als Essen und Trinken

Das fängt schon an beim übervoll gefüllten Becher Wein, über den am Anfang der Segen gesprochen wird: Er ist ein Zeichen für Gottes reiche Zuwendung: „Du schenkst mir voll ein“ (Ps 23,5). Es geht weiter mit dem Genuss des Granatapfels, dessen unzählige Kerne den Wunsch ausdrücken, man möge im neuen Jahr ebenso viele gute Taten tun. Man taucht einen Apfel in Honig und wünscht sich gegenseitig ein „süßes und angenehmes neues Jahr“. Und so geht es weiter während des ganzen Abends. Zwischendurch gibt es natürlich fröhliche Gesänge, und auch die Kerzen sind nicht nur Dekoration, sondern vorgeschriebener Bestandteil des Festessens.

Ganz ähnliches könnte man auch von den anderen Festen im Jahr erzählen: Beim Passafest erinnern bittere Kräuter an die harte Sklavenarbeit in Ägypten. Beim Laubhüttenfest denkt man nicht nur zurück an die Laubhütten des Volkes Israel, sondern man baut selbst eine und setzt sich hinein. Und beim Purimfest wird die Gottesdienstliche Lesung von lauten Buhrufen und lärmenden Instrumenten übertönt, wann immer der Name des Bösewichts genannt wird. So sind die jüdischen Feste oft ein Feuerwerk an Sinneseindrücken, gerade dann, wenn man, wie ich, aus einer reformierten oder freikirchlich geprägten Tradition kommt, in der „nur das Wort“ zählt, Gottesdiensträume wie Turnhallen aussehen und schon Musik oft als ein „weltlich Ding“ angesehen wird.

Kopieren oder Kapieren?

Auf viele Christen übt die Sinnenfreudigkeit der jüdischen Feste deswegen eine enorme Faszination aus. Auf mich zugegebenermaßen auch. Und ich freue mich immer, wenn ich solche Feste zusammen mit jüdischen Freunden feiern kann oder sie in unserer Nachbarschaft beobachte. Aber eigentlich möchte ich mehr als nur diese Faszination: Ich glaube, wir hätten nicht viel verstanden, wenn wir diese jüdischen Bräuche nur, wie in einem Museum, als interessante geistliche Folklore bestaunen würden. Oder wenn wir sie, wie es mehr und mehr in Mode kommt, hin und wieder als besonderes religiöses Erlebnis in unseren Gemeindealltag einbauen.

Was wir stattdessen brauchen, ist ein tieferes  und echtes Verständnis dafür, warum die Feste in der jüdischen Tradition so anders sind: Warum hier Gebet mit Genuß, Singen mit Suppe, Lesungen mit Lichtern und Geistliches mit Gerüchen so eng verbunden sind. Es steckt nämlich sehr viel mehr dahinter als nur Folklore.

Worum es wirklich geht, ist ein gesundes biblisches Verhältnis von Leib und Seele, von geistlicher und weltlicher Realität. In der Bibel gehört beides zusammen, und so war es auch im frühen Christentum. Erst in späteren Jahrhunderten hielt ein Denken in der christlichen Kirche Einzug, das beides voneinander trennte: Es war ein Denken, das nicht aus dem biblischen Erbe, sondern aus der heidnischen griechischem Philosophie stammte: Dort trennte man Geist und Materie, hielt nur den Geist für gut und den Körper für schlecht. „Der Leib ist das Grab der Seele“ sagte man, und daher war es das Ziel aller Religion, das Körperliche hinter sich zu lassen und sich nur dem rein Geistigen zuzuwenden. Schon im Mittelalter wurde so aus dem ursprünglichen christlichen „Liebesmahl“, bei dem man sich an den Tod Jesu erinnerte, eine kurze Zeremonie, bei der nur noch ein kleines Stückchen Brot gereicht wurde und nur noch der Priester vom Wein kosten durfte. In der Reformation gingen manche Christen noch weiter und entfernten alles, was die Sinne zu stören drohte, aus der Kirche: Bilder, Kerzen und sogar die Musik. Allein das Wort sollte im Mittelpunkt stehen.

Zurück zu den Wurzeln

In Jerusalem aber erleben wir nicht nur bei unseren jüdischen Nachbarn, sondern auch bei den alten orientalischen Kirchen, dass Leib und Seele zusammengehören: Denn auch bei unseren griechisch-orthodoxen, syrischen und äthiopischen Nachbarn ist noch etwas bewahrt worden von der Sinnenfreundlichkeit Gottes und der Lebensfreude Jesu: Hier wird kein Gottesdienst ohne Kerzen, bunte Gewänder und ordentlich Weihrauch gefeiert. Brot und Wein werden nícht nur im Gottesdienst an die Gemeinde verteilt, sondern nach dem Gottesdienst auch in alle Häuser getragen.

Wenn wir also wirklich lernen wollen von unseren jüdischen Freunden, dann sollten wir nicht nur hin und wieder ein jüdisches Fest im christlichen Gewand feiern. Wir sollten wieder lernen, unseren eigenen Glauben mit allen Sinnen zu leben. Wir sollten verstehen, dass diese Welt, und alles was in ihr ist, unserem Gott gehört und dass er sein „sehr gut“ über sie spricht. Wir sollten Leib und Seele, Sichtbares und Unsichtbares, Geistliches und Weltliches wieder neu miteinander ins Gespräch bringen und beides in unser Leben als Christen integrieren. Dieses Leben sollte ein Fest sein, das wir zur Ehre Gottes feiern, und das uns auf das große Fest vorbereitet, das wir in der kommenden Welt mit Jesus feiern werden. In diesem Sinne also: Frohes Fest!


Quelle: CVJM Mitarbeiterhilfe, 3/2007, S. 22-24 (1.1 MB)

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