Kritisch denken – ja bitte … aber auch gegenüber der Bibelwissenschaft

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Ich bin ein Mensch, der gerne kritisch denkt. Und ich bin ein Mensch, der der Bibel von Herzen vertraut. Passt beides zusammen? Ja. Aber ich nehme wahr, dass das für viele Christen um mich herum gar nicht so selbstverständlich ist. Sie versuchen mich mit Menschen- und mit Engelszungen davon zu überzeugen, dass beides eben nicht zusammen geht.

Kritisch denken?

Da sind auf der einen Seite diejenigen, die mir sagen: Die Bibel darf man nicht kritisch betrachten. Sie ist ja Heilige Schrift und Gottes Wort. Deshalb verbietet sich jede Bibelkritik. Du musst glauben und akzeptieren, nicht fragen und forschen. Und vor meinem geistigen Auge entsteht das Bild einer zerbrechlichen Porzellanschale, die man zwar in ihrer Schönheit betrachten und bestaunen darf, die aber zu zerbrechen droht, sobald man sie in die Hand nimmt oder zu hart anfasst.

Auf der anderen Seite stehen die, die mir sagen: Warum willst du der Bibel vertrauen? Sie ist doch nur ein Buch, von Menschen geschrieben. Du sollst Gott vertrauen, nicht der Bibel. Und dann erklären sie mir, dass „Gottes Wort“ nicht dasselbe ist wie „die Bibel“. Denn Gott redet ja auf viele Weise, nicht nur durch ein Buch. Überhaupt ist „die Bibel“ ja gar kein Buch, sondern eine lose Sammlung von ganz unterschiedlichen Schriften ganz unter­schied­licher Autoren. Die Bibel ist nicht Gottes Wort, aber du kannst Gottes Wort in ihr finden, wenn du genau genug suchst. Kurzum: Es sind die Theologen, die mir vorschlagen, wie ich in der Bibel Gottes Wort von anderen Worten unterschieden kann. Ihren Vorschlägen müsste ich also vertrauen.

Fehlerhafter Zirkelschluss

Meine Geschwister auf der einen Seite sagen mir: „Es steht doch außer Frage, dass du der Bibel vertrauen kannst, denn sie sagt es ja selbst.“ Diese Logik ist für mich noch nie wirklich nach­vollziehbar gewesen. In einem Gerichtsverfahren kann es doch nicht als Erweis der Glaub­würdigkeit gelten, dass ein Zeuge seine eigene Glaubwürdigkeit beteuert. Einem solchen Zeugen nur auf sein Wort hin zu vertrauen, wäre ein blindes und ein unbegründetes Vertrauen. Im Blick auf die Bibel wäre mir das zu wenig. Auch der Koran behauptet schließlich, Gottes unfehlbares Wort zu sein. Das allein begründet aber noch nicht, dass es tatsächlich auch so ist. Hier liegt der Kernfehler einer „unkritischen“ Bibelauslegung, die von der Fehlerlosigkeit der Schrift nur allein deswegen überzeugt ist, weil die Schrift selbst es (vermeintlich) sagt. Die Glaubwürdigkeit eines Zeugen hängt aber nicht nur an dem, was er selbst behauptet. Sie zeigt sich an anderen Beobachtungen: Etwa in der Frage, ob seine Aussagen konsistent und stimmig sind. Ob sie auch durch andere Zeugen bestätigt werden. Ob sie sich als tragfähig erweisen. Ob seine Persönlichkeit und sein Charakter den Eindruck der Glaubwürdigkeit erwecken. Das alles sind aber nie „wasserdichte“ Beweise, sondern Beobachtungen, die entweder das Vertrauen wecken oder das Vertrauen erschüttern. In ähnlicher Weise glaube ich, dass die Glaubwürdigkeit der Bibel sich zwar nicht wasserdicht beweisen, wohl aber durch genaues Hinschauen gut begründen lässt.

Auf der anderen Seite aber stehen die, die mir sagen: „Natürlich kannst du der Bibel nicht vertrauen. Denn die Wissenschaft hat doch nachgewiesen, dass sie unglaubwürdig ist“. An dieser Stelle jedoch würde ich gerne ein wenig zur Entmythologisierung beitragen, und zwar zur Entmythologisierung der Bibelwissenschaft. Die ist nämlich, meiner Erfahrung nach, gar nicht so allmächtig, wie es meine wohlmeinenden Geschwister auf der einen wie auf der anderen Seite annehmen.

Mein Weg mit der Bibel

In der Schule lernte ich die kondensierten Ergebnisse der modernen Bibelwissenschaft kennen. Natürlich mit der üblichen Zeitverzögerung: Denn in Schulbüchern landet ja erfahrungsgemäß immer das, was etwa 20 Jahre vorher der aktuelle Stand der Forschung ist. Aber das wussten wir natürlich damals noch nicht. Ich persönlich fand alles, was ich dort hörte, erst einmal plausibel und hochinteressant. Einen Konflikt mit meinem Glauben habe ich nicht empfunden. Warum soll Gott nicht durch Autoren mit dem klangvollen Namen J, E, P und D genau so reden können wie durch einen Mose? Und die Frage, ob man Wundergeschichten glaubt oder nicht, schien für mich schon damals keine Frage der Bibelwissenschaft, sondern eher eine Frage der Weltanschauung zu sein.

Im Theologiestudium begann dann jedoch für mich ein ganz spezieller Prozess der „Entmytho­logisierung“: Nach und nach wurde mir klar, dass das, was ich in der Schule kompakt und handlich als Ergebnis der modernen Bibelwissenschaft präsentiert bekommen hatte, so verlässlich im Einzelfall gar nicht war. Zu jeder wichtigen Frage der Bibelwissenschaft bekamen wir einen kleinen Überblick über 200 Jahre Forschungsgeschichte, innerhalb derer sich die unterschiedlichsten Theorien und Hypothesen abwechselten, überschlugen und nicht selten gegenseitig widersprachen. Im Religionsunterricht etwa hatte ich gelernt, dass große Teile der Abrahams- und Mosererzählung aus der Quelle eines Autors mit dem Namen „J“ (für „Jahwist“) stammten. Wir waren sogar in der Lage, einzelne Sätze und Worte aus der Moseerzählung der Hand dieses Jahwisten zuzuordnen. Im Studium erfuhr ich jetzt aber, dass unter Forschern kaum Einigkeit bestand, ob dieser Jahwist überhaupt jemals existierte. Manche Forscher gingen sogar so weit, insgesamt 13 verschiedene „Jahwisten“ (J1 bis J13) in den biblischen Berichten zu entdecken. Heute ist man dagegen wieder ganz von solchen Benennungen abgekommen.

Ähnlich kompliziert verhielt es sich mit der verbreiteten „Zwei-Quellen-Hypothese“, die sich bis heute in den Lehrbüchern als einfache Erklärung für die Entstehung der Evangelien findet. Sie ist zwar für den täglichen Gebrauch sehr praktisch, aber bei näherer Betrachtung zerrinnt auch diese Hypothese zwischen den Fingern: So gab es bereits im Jahr 1918 siebzehn unterschiedliche Rekonstruktionen der Quelle „Q“. Aber keinen einzigen Vers mehr, der in allen 17 Versionen enthalten war. Heute gibt es in der Forschung die verschiedensten Erklärungen für die Entstehung der Evangelien, und viele davon kommen inzwischen ganz ohne eine Quelle „Q“ aus.

Die oft zitierten „gesicherten Ergebnisse der Bibelforschung“ sind also alles andere als sicher. Sie sind aktuelle Momentaufnahmen von Mehrheitsmeinungen.

Gestärktes Vertrauen

Gleichzeitig wurde aber mein Vertrauen in die Bibel durch die Bibelwissenschaft mehr und mehr gestärkt. Immer wieder zeigte die Beschäftigung mit der Forschungsgeschichte, wie der Weg von anfäng­licher Skepsis zu schlussendlichem Zutrauen führte. So lernte ich, dass man in der Frühzeit der Bibelforschung die Entstehungszeit der Evangelien teilweise bis ins späte 2. Jahrhundert n.Chr. datierte und dass einzelne Bibelforscher die Historizität Jesu mit Mitteln der Bibelwissenschaft gänzlich in Frage stellten. Heute ist man davon weit entfernt. Niemand würde mehr bezweifeln, dass Jesus gelebt hat, und die Entstehung der Evangelien wird in die Jahre 70-100 n.Chr. datiert. Das stärkt mein Vertrauen in den Inhalt der Evangelien

Eine andere Frage ist etwa die nach der Absicht der Evangelisten: Noch Rudolf Bultmann ging in seinem Jesus-Buch 1926 davon aus, dass die Evangelien als historische Quellen über Jesus nicht zu gebrauchen seien, weil sie nicht Geschichte schreiben, sondern nur Glauben verkündigen wollten. Diese Annahme wurde aber schon von den Schülern Bultmanns selbst in Frage gestellt. Heute spricht man von der „dritten Suche“ nach dem historischen Jesus, bei der die Evangelien wieder ganz selbstverständlich, wenn auch kritisch, als Quelle für historische Forschung genutzt werden.

Historisch und kritisch

In meiner Studienzeit habe ich auch den tiefen Graben kennengelernt, der sich zwischen den Gegnern und den Befürwortern der so genannten „historisch-kritischen Methode“ auftat. Ich persönlich muss zugeben, dass ich den Streit nie richtig verstanden habe. Auf der Ebene der Methode schien es mir immer das Natürlichste von der Welt zu sein, dass man im Umgang mit der Bibel sowohl historisch als auch kritisch arbeitet: Historisch forschen heißt, solche Fragen zu stellen wie: Wann ist dieses Ereignis geschehen? Was wissen wir über diese Zeit und ihre Kultur? Wann ist dieser Text aufgeschrieben worden? Von wem? Und was wissen wir über die zeitgeschichtliche Situation des Autors? Das alles scheinen mir ganz selbstverständliche Fragen zu sein. Und ehrlich gesagt, werden sie auch bei denen gestellt, die die „historisch-kritische Methode“ ablehnen.

Und die Kritik? Ich habe sie immer so verstanden, dass es darum geht, kritisch zu prüfen, ob das, was ich über die Bibel glaube, sich auch wirklich darin findet. Kritisch zu sein gegenüber eigenen Vorurteilen, gegenüber scheinbar biblischen Überzeugungen, die aber gar nicht aus der Bibel stammen. Aber auch: Kritisch zu unterscheiden zwischen dem Text, seiner Vorgeschichte und dem historischen Ereignis, von dem er berichtet. Auch hier sehe ich eigentlich keinen Disput mit denen, die die Methode ablehnen.

Auf der Ebene der Ergebnisse aber halte ich in der Tat vieles für fraglich, was diese Methode in der Vergangenheit hervor­gebracht hat: Etwa die vielen Hypothesen über Autoren und Entstehungszeiten biblischer Bücher, die teilweise abenteuerliche Blüten trieben und sich bis heute laufend wandeln. Das ist aber für mich keine Frage des Glaubens, sondern der wissenschaftlichen Diskussion.

Skeptisch bin ich allerdings gegenüber ideologisch begründeten Vor-Urteilen, die der wissenschaftlichen Arbeit vorausgehen: Wenn etwa die Tatsächlichkeit von Wunderberichten allein schon deshalb in Frage gestellt wird, weil man als moderner Mensch nicht mehr an Wunder glauben kann, so ist das weder eine historische noch eine kritische Methode, sondern eine Glaubensaussage. Also solche kann ich sie akzeptieren. Als Grundlage für eine wissenschaftliche Erforschung der Bibel aber nicht.

Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?

Schon am Anfang meines Studiums bin ich von vielen Mitchristen gefragt worden, ob ich nicht Angst hätte, meinen Glauben zu verlieren durch die Bibelwissenschaft. Das hatte ich eigentlich nicht. Und wie gesagt, ist mein Vertrauen in die Bibel auch eher gestärkt worden. Aber in der Tat habe ich auch enorm viele Menschen um mich herum erlebt, die sich im Lauf ihres Studiums – und angestoßen durch die wissenschaftliche Bibelforschung – von ihrem Glauben abgewendet haben. Noch größer allerdings war die Zahl derer, die ihren Glauben nach eigenen Angaben nicht verloren, wohl aber stark verändert haben. Und das ist ja auch grundsätzlich begrüßenswert. Es wäre schade, wenn unser Glaube sich im Laufe des Lebens nicht weiter entwickeln würde. Gut sind Veränderungen da, wo sie uns aus falschen, zu engen oder nicht in der Bibel begründeten Vorstellungen und Prägungen herausführen.

Unter Theologen habe ich jedoch leider oft eine gewisse Arroganz erlebt, die automatisch davon ausging, dass nur solche Veränderungen, die auch mit weniger Vertrauen in die Bibel, weniger Bindung an eine Gemeinde, weniger missionarischem Engagement und gelockerten ethischen Überzeugungen einherging, wirklich eine gesunde und redliche Glaubensveränderung sei. Meiner Beobachtung nach war es aber oft gar nicht die Bibelwissenschaft an sich, die dem Glauben geschadet hat. Sondern es waren persönliche Lebensumstände und Lebensentscheidungen, die Menschen dazu gebracht haben, einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Die Bibelwissenschaft war dann aber oft ein willkommenes Hilfsmittel, sich von denjenigen Aussagen und Überzeugungen der Bibel zu lösen, die dem neu gewählten Lebensweg im Wege standen. Insofern schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben zwar nicht notwendigerweise, aber sie kann oft ein „hilfreiches“ Instrument sein, die ohnehin gewählte Abwendung vom Glauben oder von bisherigen Glaubensüberzeugungen zu begründen. Und denen, die anders denken, dann einfach zuzurufen, sie seien eben wissenschaftlich nicht gut genug informiert oder lebensgeschichtlich noch nicht weit genug entwickelt.

Die Überzeugungskraft der Bibel

Für mich ist das Vertrauen in die Bibel kein blinder Schritt des Glaubens, den ich tun müsste, bevor ich die Bibel allererst aufschlage oder bevor ich mich wissenschaftlich mit ihr beschäftige. Für mich ist das Vertrauen keine Vorbedingung, sondern ein Ergebnis meiner Beschäftigung mit der Bibel: Weil sich die Bibel mir als vertrauenswürdig erweist, kann ich ihr vertrauen. Ich vertraue darauf, dass die Bibel Überzeugungskraft hat, selbst dann, wenn ich sie mit den Augen eines Atheisten, eines muslimischen, buddhistischen oder jüdischen Lesers lese. Deshalb möchte ich in der Bibelforschung auch nur solche Methoden anwenden, die für meine Nachbarn anderen Glaubens nachvollziehbar und plausibel sind, keine christlichen Sondermethoden oder dogmatischen Vorbedingungen. Hier liegt für mich auch der tiefere missionarische Sinn einer wissenschaftlichen, historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der Bibel.

Quelle: Faszination Bibel 2/2016, S. 20-23

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