Tempel-Geschichten: Gottes Gegenwart und unsere Anbetung

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In dieser Wortzeit geht es um biblische Geschichten rund um den Tempel. Der Tempel ist in der Bibel der zentrale Ort, an dem Gott uns begegnet. Und deshalb können wir am Tempel sehen, wie Gott sich die Begegnung mit uns wünscht und wo es vielleicht Baustellen gibt. Anregungen für unser persönliches Gottesbild, aber auch für Gottesdienst und Gemeinde.

1 Ein himmlischer Bauplan

Das Wort: 2. Mose 25,8-9

„Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne. Genau nach dem Bild, das ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.“

Ich mag an diesem Bibelwort…

… dass Gott nicht nur im Himmel wohnen will, sondern auch bei uns auf der Erde. Und dass er nicht nur an schönen Gedanken und Worten, sondern auch an Farben, Formen, Gerüchen und Klängen interessiert ist. Und noch mehr als das: Er vertraut uns seinen Bauplan an.

Genauer hingeschaut…

Es war das erste, was Gott tat, nachdem er mit seinem Volk den Bund am Sinai geschlossen hatte. Und das erste, was er sagte, nachdem Moses auf den Berg gestiegen war, um dort die Gesetzestafeln in Empfang zu nehmen: Eine genaue Bauanweisung für die Stiftshütte. Und sie liest sich sehr präzise: Da gibt es ganz genaue Angaben für das Holz, das verwendet werden soll. Für die Farben und Stoffe, die Formen und die Materialien, die Architektur und die Dekoration. Und abschließend sagt Gott dann: „Und sieh zu, dass du alles machst nach dem Bilde, das dir auf dem Berge gezeigt ist.“ (2. Mose 25,40). Schon früh haben jüdische Bibelausleger aus diesem Vers den Schluss gezogen, dass es eine Art himmlische Vorlage für die irdische Wohnung Gottes gibt, die Gott dem Mose hier gezeigt hat. Denn das Wort, das Luther (in Vers 9 und 40) mit „Bild“ übersetzt, bedeutet eigentlich „Bauplan“ oder „Vorlage“.  Der Hebräerbrief redet ganz ausführlich von diesem himmlischen Heiligtum, und Paulus und Johannes sprechen vom „himmlischen Jerusalem“.

Für mich ist das ein Sinnbild für den Zusammenklang von Himmel und Erde, der für Gott wichtig zu sein scheint: In der christlichen Geschichte hat es immer Tendenzen gegeben, das eine zugunsten des anderen überzubetonen: Entweder man hat nur die himmlischen Wirklichkeiten im Blick und vernachlässigt darüber alles Irdische, oder aber man beschränkt sich auf das Sichtbare und Greifbare und vergisst darüber völlig die jenseitige Realität. Aber Gott geht es darum, dass beides zusammengehört und miteinander verbunden ist. Der Tempel in Jerusalem war so etwas wie der Angelpunkt, an dem Himmel und Erde miteinander verbunden waren. Hier sollte Gottes unsichtbare Wirklichkeit in der sichtbaren Welt Gestalt annehmen. Deshalb gibt es einen genauen Bauplan und eine so detaillierte Bastelanleitung. Für uns westlich geprägte Christen scheint es oft etwas mühsam und trocken, solche Bauanleitungen zu lesen. Wir vermissen die „geistliche Essenz“. Aber was wäre, wenn genau das die Essenz wäre: Dass es Gott nicht nur um Inneres, Geistliches und Unsichtbares geht, sondern dass er Gestalt annehmen will, mitten in unserer irdischen Welt, die man anfassen, sehen, riechen, schmecken und bestaunen kann?

Und daraus folgt…

Für viele Christen ist der Tempel ein Negativ-Symbol für eine „verdinglichte“  Gottesbeziehung, die sich an Äußerlichkeiten festhält. Ganz im Gegensatz zum Neuen Testament, wo der ganze äußerliche Schnickschnack keine Rolle mehr spielt. Aber der Blick in die Bibel zeigt mir: Der Tempel war nicht unsere, sondern Gottes Idee. Gott war daran gelegen, dass sein himmlisches  Wesen auf der Erde auch eine irdische Gestalt bekommt. Sie bekam es damals in einem liebevoll geplanten und kunstvoll dekorierten Tempel. Wo können wir heute Gottes himmlischen Bauplan in irdische Realität umsetzen? In unseren Gottesdiensten und unserer Anbetung, die nicht nur „im Kopf“, sondern auch in Farben und Formen, Klängen und Bildern, Liturgie und Architektur Gestalt gewinnen kann. Aber auch in unserem Alltag und unserem Einsatz für die Welt, durch den Gottes unsichtbares Wesen sichtbare Gestalt bekommt.

2 Gottes Gegenwart

Das Wort: 2. Chronik 5,11-14

Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass sie sich an die Ordnungen hielten -, und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es „einer,“ der trompetete und sänge, als hörte man „eine“ Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Ich mag an diesem Bibeltext…

… dass er uns lebendig mit hinein nimmt in die Feier eines Gottesdienstes zu biblischer Zeit – und dass der Gottesdienst bei aller Planung am Ende anders verläuft als geplant.

Genauer hingeschaut…

Dieser Text beschreibt den allerersten Gottesdienst, der im Tempel von Jerusalem gefeiert wurde. Jahrhunderte Lang hatte man auf diesen Moment hingearbeitet: Angefangen von Gottes Auftrag ihm ein Heiligtum zu bauen (2. Mose 25), über das Zelt in der Wüste und das Heiligtum in Silo bis hin zu König Davids Bauplänen, die er nicht verwirklichen durfte, weil Blut an seinen Händen klebte. Nun hatte sein Sohn Salomo das Werk endlich beendet. Alles war vorbereitet, alle Einrichtungsgegenstände standen an ihrem Platz. Und nun ist die spannende Frage: Wie wird er aussehen, dieser allererste Gottesdienst? Wer einmal an christlichen Konferenzen und Festivals teilgenommen hat, der weiß, dass die Art und Weise, wie man den Eröffnungsgottesdienst feiert, entscheidend die Atmosphäre und den Verlauf der ganzen Veranstaltung prägt. Und bis heute ist es so, dass die Art, wie wir Gottesdienst feiern, ganz viel darüber aussagt, was wir im Kern glauben und was uns im Leben mit Gott wichtig ist. An diesem ersten Gottesdienst in Jerusalem können wir also ablesen, wie Gott sich diese Begegnung zwischen Himmel und Erde gedacht hat. Damals wie heute. Und wir können uns selbst die Frage stellen: was erwarte ich eigentlich, wenn ich in einen Gottesdienst hineingehe?

Was also macht diesen Gottesdienst aus? Noch bevor es losgeht, hatten sich alle Priester „geheiligt“. Das heißt, sie hatten sich auf diese Begegnung mit Gott vorbereitet. Sie hatten ihr Leben in Einklang gebracht mit Gottes Wesen, so wie Gott es seinem ganzen Volk aufgetragen hatte: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott“ (3. Mose 19,2). Gottesdienst ist nicht in erster Linie eine Sache von Programmen und Veranstaltungen. Sondern echter Gottesdienst beginnt im Herzen. Wir richten unser Herz auf Gott aus, weil er sein Herz auf uns ausgerichtet hat. Aber – und das ist wichtig: es bleibt nicht nur eine Sache des Herzens. Was im Herzen ist, dass soll auch nach außen sichtbar werden. Deshalb gibt es Sänger. Und Musiker. Unter anderem eine 120-köpfige Bläsersektion. Und Lobpreislieder. Als Musiker freut es mich natürlich, dass die Musik hier so an so prominenter Stelle so ausführlich erwähnt und beschrieben wird. Und in der Tat bin ich überzeugt, dass das kein Zufall ist: Musik hat in der Anbetung Gottes immer eine zentrale Rolle gespielt, von diesem ersten Gottesdienst an bis in unsere Zeit hinein. Das ist kein Zufall, sondern es liegt im Wesen der Musik, im Wesen der Anbetung und im Wesen Gottes begründet: Gott selbst ist ein musikalischer Gott, er liebt Klänge und Töne und Melodien, das merkt man sofort, wenn man sich seine vielfältige Schöpfung ansieht und anhört. Durch Musik erreicht Gott die Tiefen unserer Seele, und die Tiefen unserer Seele erreichen Gott. Und deshalb ist sie Gott wichtig für die Momente, in denen er uns begegnen will.

Das entscheidende geschieht aber am Ende: Die geheiligten Herzen, der gemeinsame Gesang – all das war nur die Vorbereitung für das Eigentliche. Denn jetzt erscheint Gott selbst auf dem Plan, in Gestalt einer Wolke voller Herrlichkeit, Lichtglanz und Gewicht.  Alles drei steckt nämlich in dem hebräischen Wort „kavod“, das Luther mit „Herrlichkeit“ übersetzt. Die Gegenwart Gottes wird sichtbar und spürbar in diesem Gottesdienst. Sie nimmt den Raum ein in einer Weise, die es den Priestern unmöglich macht, ihren Dienst fortzusetzen. Je nach Blickwinkel (und konfessioneller Zugehörigkeit) kann man hier auch übersetzen: „Sie konnten nicht mehr auf ihren Füßen stehenbleiben“, oder: „Sie konnten nicht mit dem Programm fortfahren“. Ein heiliger Moment: Gott selbst betritt den Raum und übernimmt die Regie. Jetzt zählt nur noch, was er tun will.

Und daraus folgt…

… dass ich mich frage:  Was ist eigentlich mein Ziel, wenn ich in einen Gottesdienst gehe? Oder wenn ich selbst in einem Gottesdienst mitarbeite? Dass ich ein anregendes und unterhaltsames Programm erlebe? Dass ich etwas Neues lerne? Das die Gäste, die ich mitbringe, nicht abgeschreckt werden? Oder dass wir als Gemeinde unsere Gemeinschaft stärken? Das alles können sicher wichtige Aspekte sein. Aber darüber sollte das eigentliche Ziel des Gottesdienstes nicht in Vergessenheit geraten: Die unplanbare Begegnung mit dem lebendigen und gegenwärtigen Gott. Alle Programme, die wir vorbereiten, können deshalb immer nur Hinführung sein. Alle Musik, die wir machen, kann immer nur Wegbereiter sein. Alle Gebete und Predigten dienen dazu, unser Herz für Gott zu öffnen. Aber das Eigentliche geschieht, wenn Gott selbst den Raum mit seiner Gegenwart erfüllt. Wenn er die Herzen berührt, wenn er Leben verändert, wenn er redet und wirkt. Dafür kann dann auch mal das Programm, das wir so sorgsam vorbereitet haben, beiseite gelegt werden. Rechnen wir damit?

3 Lobpreis in Ruinen

Das Wort: Esra 3,10-13

Und als die Bauleute den Grund legten zum Tempel des HERRN, stellten sich die Priester auf in ihren Amtskleidern mit Trompeten und die Leviten, die Söhne Asaf, mit Zimbeln, um den HERRN zu loben nach der Ordnung Davids, des Königs von Israel.

Und sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem HERRN: Denn er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewiglich über Israel. Und das ganze Volk jauchzte laut beim Lobe des HERRN, weil der Grund zum Hause des HERRN gelegt war.

Und viele von den betagten Priestern, Leviten und Sippenhäuptern, die das frühere Haus noch gesehen hatten, weinten laut, als nun dies Haus vor ihren Augen gegründet wurde. Viele aber jauchzten mit Freuden, sodass das Geschrei laut erscholl.

Und man konnte das Jauchzen mit Freuden und das laute Weinen im Volk nicht unterscheiden; denn das Volk jauchzte laut, sodass man den Schall weithin hörte.

Ich mag an diesem Bibelwort …

… dass hier so viele Gegensätze aufeinandertreffen und doch in Gottes Haus ihren Platz haben: Ruinen und Neuanfang, Alte und Junge, Lachen und Weinen. Wie einseitig sind dagegen oft unsere Vorstellungen von richtigem Gottesdienst und echter Anbetung. Wer diesen Text liest, bekommt ein weites Herz.

Genauer hingeschaut …

Der Text beschreibt eine Gottesdienstfeier in den Ruinen des Tempels von Jerusalem.  Manches daran erinnert, bis in den Wortlaut hinein, an den glorreichen Gottesdienst, der einige hundert Jahre zuvor im neu erbauten Tempel Salomos gefeiert wurde (2. Chronik 5,11-14). Es ist sogar ein Lied in der Songliste, das schon damals gesungen wurde. Und doch ist so vieles ganz anders: Kein großartiger Tempel, sondern eine Open Air Veranstaltung in den Ruinen. Gerade einmal die Grundmauern sind wieder aufgebaut worden, und es ist schon abzusehen, dass dieser Tempel nicht die Größe und den Glanz des alten Tempels haben wird. Es ist seit vielen Jahrzehnten das erste Mal, dass hier, an dieser verlassenen Stelle, wieder ein Gottesdienst gefeiert wird. Aber viele Senioren sind noch in der Menge, die sich an die schönen und großartigen Gottesdienste damals erinnern können. Das waren noch Zeiten damals! Jetzt hat eine neue Generation die Leitung übernommen. Das Alter der Leviten, die den Gottesdienst leiten und musikalisch gestalten, wurde eigens um zehn Jahre heruntergesetzt (vgl. Esra 3,8 mit 1. Chr. 23,3). Manches, was sie machten, klang sicher anders als das, was ihre Eltern und Großeltern zu früheren Zeiten gemacht hatten. Die Kultur Babylons, in der die jungen Leute großgeworden waren, war sicher nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Und doch knüpfen sie an der Tradition ihrer Vorfahren an, in dem sie ein altes Lied von König David aufgreifen. Vielleicht mit neuer Melodie oder anderem Rhythmus? Man weiß es nicht.

Und dann brechen sich die Emotionen ihren Lauf: Lachen und Weinen geht durch einander. Freude über den neuen Anfang und doch Trauer darüber, dass so vieles zerstört wurde und verloren ging, und dass es nie mehr so sein würde wie damals. Und der ist weithin zu hören, weit über die gerade neu erbauten Grundmauern des Tempels hinaus. Ein Gottesdienst mit Ausstrahlung.

Ich finde diesen Text faszinierend, weil er Hoffnung ausstrahlt inmitten von Leid: Das Volk Israel lässt sich nicht davon abhalten, Gott zu loben, obwohl es mitten in den Ruinen seiner eigenen Geschichte steht. Es lässt sich nicht von dem vielen entmutigen, was nicht mehr oder noch nicht da ist. Sondern es dankt Gott für das, was da ist und preist ihn für das, was er ist. Und gleichzeitig verschließt es die Augen nicht für das Leid und die Trauer, die immer noch da sind. Was für ein Gottesdienst, in dem beides seinen Platz hat: Die Trauer und der Schmerz, aber auch die Freude und der Jubel. Lobpreis ist nicht nur etwas für die Sonnenzeiten des Lebens, wenn alles glatt geht. Sondern gerade auch für solche Zeiten, in denen unser Leben in Ruinen liegt. Aber wo gibt es Gottesdienste, die dafür Raum bieten?

Meistens sind unsere Gottesdienste entweder so ernst und würdevoll, dass echte Freude im Kein erstickt und im Hals stecken bleibt. Oder aber wir versuchen, durch gute Laune und Freudengesang alle Schattenseiten des Lebens zu übertünchen. Wie ehrlich und wie vielfältig geht es dagegen hier in Jerusalem zu!

Und daraus folgt …

… dass ich Gott nicht nur dann loben und preisen möchte, wenn es mir gut tut. Sondern gerade mitten in den Trümmerfeldern und Baustellen meines Lebens. Da, wo Dinge noch unfertig sind. Wo es Leid und Schmerz gibt. Versagen und Verlust. Gerade da möchte Gott mit mir anfangen, seinen Tempel neu zu bauen. Er möchte Raum schaffen für Freude angesichts der Tränen. Aber eben auch für Freude. Ich muss nicht in meinen Trauerkleidern bleiben. Alte Lieder können neu erklingen. Manches Alte wird nie werden wie es einmal war. Aber das ist für Gott auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, ob aus alten Ruinen ein neuer Ort der Gegenwart Gottes entstehen kann.

4 Jesus, der Tempelkritiker?

Das Wort: Mt 21,12-16

Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich

16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?

Ich mag an diesem Bibelwort…

… die Leidenschaft, mit der sich Jesus für das Haus seines Vaters einsetzt. Die Blinden und Lahmen, die geheilt werden. Und die Kinder, die im Tempel Jesus zujubeln. Alles zusammen ist ein starkes Bild dafür, dass hier, im Haus Gottes, ein Ort des Heils und der Heilung ist.

Genauer hingeschaut …

Für viele Christen ist die Geschichte von der Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel ein Ausdruck der „Tempelkritik“ Jesu. Und überhaupt aller Kritik an menschlicher Religion, an religiösen Gebäuden, Ritualen, Form und Bräuchen. Jesus war ein Feind der Religion und des Tempels, und der Tempel war ein Bollwerk der institutionalisierten Religion, so denken sie. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der Jesus hier den Hof des Tempels reinigt, kämpfen viele Christen daher gegen religiöse Traditionen, Institutionen, Gebäude und Formen heute. Und sie berufen sich dabei auf den Rebellen aus Nazareth, den radikalen Messias oder den ungezähmten Wanderprediger Jesus. Hinzu kommt dann noch der Vorwurf, dass der Tempel das Bollwerk eines verbrecherischen Macht- und Finanzsystems war, das Jesus hier demonstrativ in Frage stellen wollte.

Aber ist das wirklich so? Wandelt sich der Tempel zwischen dem Alten Testament und dem Neuen von einem Ort der Gottesgegenwart zu einem Ort der Gottesferne? Ist Jesus wirklich gegen den Tempel, weil Gott sich nicht Orte oder Zeiten festlegen lässt, obwohl er genau das im Alten Testament getan hat? Und ist der Tempel für Jesus ein Symbol von falscher Religion, das beseitigt werden muss?

Bei genauem Hinsehen ist das Gegenteil der Fall: Jesus tritt hier nicht gegen, sondern für den Tempel auf. Denn es ist das Haus, das seinem Vater im Himmel gehört (Lk 2,4).  Gottes eigene Idee war es ja, seinem Volk einen solchen Ort der besonderen Gegenwart zu schenken. Es war Gott selbst, der sich auf diesen Ort festgelegt hat und gesagt hatte: „Hier an diesem Ort will ich euch begegnen“ (2. Mose 25,22). Der Gegensatz zwischen Innerem und Äußerem, zwischen Glaube und Religion, zwischen Freiheit und Form, die Ablehnung von festen Orten und Zeiten der Gottesbegegnung, und von Ritualen und Gebäuden: Das alles stammt nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus dem Denken der Neuzeit.

Jesus hat mit seiner Aktion nicht den Tempel kritisiert, sondern die Menschen, die in den Tempel kamen. Er nennt den Tempel eine Räuberhöhle und zitiert dabei den Propheten Jeremia. Aber eine Räuberhöhle ist ja normalerweise nicht der Ort, an dem Räuber ihre Untaten begehen, sondern der Ort, an den sie flüchten, nachdem sie ihre Untaten begangen haben. Und das ist es auch, was Jesus kritisiert: Menschen, die im Tempel ihre Gottesbeziehung pflegen, aber im Alltag nicht nach Gottes Willen fragen. Ein Glaube, der zwar äußere Formen einhält, aber innerlich leer ist. Eine Anbetung, die zwar die richtigen Lieder singt, aber im Leben keine Auswirkungen zeigt. Das sind die Probleme, um die es hier geht.

Und was ist die Lösung, die Jesus vorschlägt? Es ist nicht die Abschaffung des Tempels, sondern seine Wiederherstellung. Mit anderen Worten: Nicht der Kampf gegen äußere Formen, gegen feste Orte und Zeiten des Glaubens ist das Heilmittel gegen die innere Aushöhlung. Sondern im Gegenteil: Es geht darum, diese wiederzuentdecken und wiederzubeleben. Nicht die Flucht vor Gottesdienst und Gemeinde macht uns zu authentischeren Christen, sondern die Rückkehr zu einem Leben, in dem Alltag und Gottesdienst zusammenstimmen.

Die Geschichte von der Vertreibung der Händler und Geldwechsler endet damit, dass im Tempel Menschen geheilt werden und Kinder Lobpreislieder singen. Es ging Jesus also nicht darum, den Tempel abzuschaffen oder ihn in Frage zu stellen. Sondern ihn wieder für den Zweck zu nutzen, für den er gedacht war:  Als Ort der lebendigen Begegnung mit Gott und der heilenden Gottesgegenwart.

Und daraus folgt…

… dass ich mich nicht auf den „Tempelkritiker“ Jesus berufen kann, um einen modernen Feldzug gegen feste Orte, Zeiten, Rituale oder Gebäude des Glaubens führen oder mich innerlich von der Gemeinde und ihren Veranstaltungen zu distanzieren. Jesus war kein Tempelkritiker, sondern ein Tempelliebhaber. Er kämpfte nicht gegen, sondern für den Tempel. Er ließ es sich nicht nehmen, sich täglich in den Tempel zu stellen, um dort mit seinem Volk zusammen zu beten und zu singen und dabei seinem Vater im Himmel zu begegnen. Was Jesus kritisierte, war nicht der Tempel, sondern die Menschen, die in den Tempel kamen. Mit anderen Worten: Vermeintlich „heilige“ Kritik, die sich heute so oft gegen Gemeinden, Orte und Institutionen richtet, sollte sich eigentlich gegen das eigene Herz richten: Wenn meine Beziehung zu Gott im Reinen ist und meine Anbetung durch mein Leben im Alltag abgedeckt ist, dann spricht nichts dagegen, dem auch in festen Formen, traditionellen Ritualen, heiligen Orten und festgesetzten Zeiten Ausdruck zu verleihen. Im Gegenteil. Das war sogar eigentlich Gottes Wunsch und Idee von Anfang an: „Mein Haus soll ein Bethaus sein.“

5 Der Strom des Lebens

Das Wort: Offenbarung 22,1-5

Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; 2 mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.

Ich mag an diesem Bibelwort…

… dass es Hoffnung für die Zukunft gibt, enorme Kraft ausstrahlt und Lust macht auf das, was Gott mit dieser Welt noch vorhat.

Genauer hingeschaut …

Es gibt zwei Texte in der Bibel, die eng mit einander zusammenhängen und doch bei genauem Hinsehen unterschiedlich sind: Der Prophet Hesekiel beschreibt eine Zukunftsvision, in der aus dem Tempel in Jerusalem ein Strom entspringt, der in die Wüste fließt und dort das trockene Land zum Blühen bringt. Er mündet schließlich im Toten Meer, und selbst dort entsteht neues Leben. Hesekiel wird eingeladen, in diesen Fluss hineinzusteigen. Und zwar so weit, dass nicht nur die Füsse nass werden, sondern dass er den Boden unter den Füssen verliert und vom Fluss getragen wird (Hes. 47,1-11).

An dieses Bild aus dem Alten Testament knüpft das letzte Kapitel der Offenbarung an. Es beschreibt den neuen Himmel und die neue Erde die Gott einmal erschaffen wird. Auch hier entspringt aus der Mitte heraus ein Strom, der allen Völkern Leben und Heilung bringt. Allerdings steht an Stelle des Tempels der „Thron Gottes und des Lammes“ (Offb. 22,1). Das wäre an sich nichts ungewöhnliches, denn der Tempel selbst wird im Alten Testament auch als „Thron Gottes“ bezeichnet. Aber wir lesen einige Verse vorher ausdrücklich, dass im neuen Jerusalem kein Tempel mehr zu sehen ist, weil Gott selbst und das Lamm der Tempel sind. Die Gegenwart Gottes wird also dort so spürbar, greifbar und sichtbar sein, dass ein Tempel nicht mehr nötig sein wird.

Das Bild vom Lebensstrom, der in der Gegenwart Gottes entspringt, ist für mich eines der kraftvollsten Bilder der Bibel: Es zieht sich vom zweiten Kapitel der Bibel bis ins letzte Kapitel hinein. Es lädt ein, zur Quelle zu kommen: In die Gegenwart Gottes, vor seinen Thron. Es lädt aber dazu auch ein, dass wir uns reinigen und erfrischen lassen durch die Kraft, die von ihm ausgeht. Es lädt ein, dass wir unseren eigenen, scheinbar sicheren, Stand aufgeben und uns ganz vom Strom Gottes mitnehmen lassen. Und es macht deutlich: Gottes Wirken endet nicht bei uns. Der Strom seiner Gegenwart fließt hinein in die Welt, er bringt Wüsten zum Blühen, Totes zum Leben und Heilung für die Völker. In der Anbetung geht es nicht nur um mich und Jesus, meine Nähe zu Gott und meine Veränderung. Sondern es geht darum, Teil einer größeren Bewegung zu werden, durch die Heil und Heilung in die Welt hinein kommt.

Und daraus folgt…

Ich möchte mich anstecken lassen von diesen Visionen der Bibel. Sie machen mir Hoffnung und Lust auf das, was noch kommt. Und sie helfen mir, über den begrenzten Horizont meiner gegenwärtigen Erfahrungen hinauszusehen. Und mir hilft das Bild vom Strom, zwei wichtige Perspektiven zusammenzuhalten: Stromaufwärts zur Quelle zu blicken: Dort kommt alles von einem Punkt her: Dem Tempel und dem Thron Gottes, dem meine Anbetung gilt und von dem her mit Leben zuströmt. Aber auch der Blick flussabwärts ist wichtig: Dort ist kein Endpunkt in Sicht, sondern das offene Meer. Gottes Gegenwart ohne Ende. Aber links und rechts am Weg gibt es noch viel zu tun. Aus der Anbetung Gottes strömt die Kraft und der Mut und die Liebe, mit Gottes Strom zu schwimmen. Und dabei der Welt und den Völkern Gottes Heilung zu bringen.


Quelle: Faszination Bibel 3/2013, S. 56-63 (5 MB)

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