Schwarzweiß oder rosarot? Ambiguitätstoleranz und Pluralismusfähigkeit als geistliche Herausforderungen

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Ambiguitätstoleranz und Pluralismus-Fähigkeit als geistliche Herausforderung: Ein Pfad im Dschungel der Möglichkeiten

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Der reife Mensch hat gelernt, mit Uneindeutigkeit zu leben. Es gehört zum Wesen unseres Glaubens, dass vieles sich nicht eindeutig festnageln lässt, sondern mehrdeutig bleibt. „Gibt es einen Gott?“ Na klar, sagen die einen, ich rede doch jeden Tag mit ihm. Natürlich nicht, sagen die anderen, denn man kann ihn weder sehen noch zweifelsfrei beweisen. Und deine Gespräche mit ihm können auch Produkt erfolgreicher Autosuggestion sein. Die Sache mit Gott bleibt deutungsoffen, so sehr ich mich auch bemühe, dies zu bestreiten. Deshalb gibt es so viele Religionen und sogar den Atheismus in unserer Welt. Und bis Jesus wiederkommt, wird es uns nicht gelingen, diese Mehrdeutigkeit aus der Welt zu schaffen. Wir müssen lernen, mit ihr zu leben.

Das gleiche gilt für viele andere Uneindeutigkeiten, denen wir als Christen begegnen. Lässt Gott Gnade walten oder Recht? In der Bibel finden wir beides. Können Menschen verloren gehen, obwohl Gott sie liebt? Wenn es nach Jesus geht, dann ja. Was für uns nicht zusammen passt, hält er zusammen. Ist Gott gegen Gewalt oder übt er selbst Gewalt? Ist Jesus Gott oder doch nur ein Mensch? Ist Ehescheidung erlaubt oder widerspricht sie Gottes Willen? Ist der Mensch für sein Leben selbst verantwortlich oder soll er Gottes Geboten folgen? Ist Reichtum ein Zeichen für Gottes Segen oder steht Gott den Armen besonders nahe?

Schluß damit!

Wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann gibt es in all diesen und noch viel mehr Fragen kein klares Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch. Wir würden uns zwar mehr Eindeutigkeit wünschen, und manche Fragen drohen uns innerlich zu zerreißen. Aber so sehr wir uns auch bemühen, es gibt keine eindeutigen Antworten. Für viele Christen in meiner Umgebung jedoch ist das zunehmend unbefriedigend: Schluss mit solchen Unklarheiten, heißt es da. Wir müssen endlich klarer Stellung beziehen. Und das geht nur, wenn wir alte Zöpfe abschneiden und klare Kante zeigen. Bei Facebook-Diskussionen und Twitteraccounts haben Uneindeutigkeiten keine Überlebenschance. Da zählt nur das klare Statement. Ja oder Nein heißt es hier, dafür oder dagegen. Flagge zeigen. Und es ist schwer, diesem Trend entgegenzuwirken. Denn was nicht im sozialen Netzwerk geschieht, ist bekanntlich auch nicht real. Die jüngsten Wahlen zum Europa-Parlament bestätigen die Angst vor der Ambiguität anschaulich: Die Extreme legen zu, die Mitte versinkt im Strudel der Bedeutungslosigkeit. Wer komplexe und ausgeglichene Antworten anbietet, geht unter in der Informationsflut. Wer Tabus bricht, bewusst aneckt und das Extrem ausreizt, findet Gehör. Und Anhänger.

In der Psychologie nennt man die Fähigkeit, mit Uneindeutigkeiten leben zu können „Ambiguitätstoleranz“. Headhunter und Personalabteilungen suchen nach Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz. Denn sie sind teamfähig und können auch mit schwierigen Mitarbeitern arbeiten. Sie können sowohl Vorzüge als auch Schwächen in Menschen erkennen und teilen sie deshalb nicht gleich in gute und böse Schubladen ein. Menschen mit wenig Ambiguitätstoleranz dagegen neigen entweder zum Schwarzweiß-Denken oder zur rosaroten Brille: Für die ersteren gibt es nur Böse und Gut, Feinde oder Freunde. Sie neigen zu unnötigem Streit, zu Konfrontation und Verweigerung. Die Rosaroten dagegen möchten gerne mit allen in Frieden leben. Sie gehen notwendigen Konflikten daher aus dem Weg, leugnen Differenzen, suchen die Harmonie und neigen zur Verdrängung. Beide Verhaltensmuster sind jedoch Ausdruck von mangelnder Ambiguitätstoleranz: Man kann es schwer ertragen, dass die Dinge kompliziert sind – und die Menschen auch.

Siebzig Gesichter

„Ambiguität“ bedeutet Mehrdeutigkeit. Wie ein Gegenstand, um den man herumgehen kann, um ihn von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Er stellt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln unterschiedlich dar. Vielleicht sogar widersprüchlich. Trotzdem gehören alle Seiten dazu. Und nur die Summe aller Seiten macht ihn zu dem, was er ist. Ambiguitätstoleranz ist diese Fähigkeit, die verschiedenen Facetten und Seiten einer Sache beieinander zu halten. Sie nicht aufzulösen in die eine oder andere Richtung.

Menschen mit geringer Ambiguitätstoleranz streben dagegen nach Eindeutigkeit: Sie flüchten entweder in ein Schwarzweiß-Denken, bei dem richtig und falsch, gut und böse, drinnen und draußen eindeutig definiert sind, sei es am einen oder am anderen Ende des politischen oder religiösen Spektrums. Nur meine Sicht ist richtig, deine ist falsch. Oder aber sie setzen die rosarote Brille auf, durch die alles gleich erscheint und alles relativ ist, egal wie sehr es sich widerspricht. Ich habe meine Wahrheit, du deine. Und dabei bleiben wir. Dann ist auch alles eindeutig. Eben nur in rosa statt schwarzweiß.

Die jüdische Tradition des Bibellesens hat den Wert der Mehrdeutigkeit schon früh erkannt. „Siebzig Gesichter hat die Tora“, heißt es im Midrasch, einer alten Sammlung jüdischer Bibelkommentare (Shemot Rabba zu 4.Mose 7,13). Siebzig Seiten oder siebzig Facetten, so könnte man das hebräische Wort „panim“ auch übersetzen. Das heißt: Eine Bibelstelle kann viele verschiedene Bedeutungen haben. Aufgabe guter Bibelauslegung ist es, diese Vielfalt zu entdecken und herauszuarbeiten. Nicht, um sich dann diejenige auszusuchen, die einem am besten passt. Sondern, um aus den vielen Auslegungen ein mehrdimensionales Bild zusammenzusetzen. Rabbi Ishmael, der etwa 70 Jahre nach Jesus lebte, begründete dieses Vorgehen mit einem Bibelvers: „Ist nicht mein Wort wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?“ (Jer 23,29). Rabbi Ishmael sagte dazu: „So wie ein Hammer auf den Felsen schlägt, und damit viele Funken erzeugt, so bringt jede Schriftstelle viele Auslegungen hervor“ (Talmud Sanhedrin 34a). Von den konkurrierenden rabbinischen Schulen Hillels und Schammais wird berichtet, dass sie einmal zwei Jahre lang über die richtige Auslegung eines Schriftverses stritten. Dann erscholl eine Stimme vom Himmel, die sagte: „Sowohl dieses als auch jenes sind Worte des lebendigen Gottes“ (Talmud Eruvin 13b).

Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat in seinem einflussreichen Buch „Die Vereindeutigung der Welt“ (2018) die These aufgestellt, dass die ambiguitätstolerante Art der Schriftauslegung in allen großen Religionen bis zum Beginn der Moderne wertgeschätzt und gefördert wurde. Erst die Aufklärung mit ihrer Forderung nach Widerspruchsfreiheit und Irrtumslosigkeit habe nach und nach zu einer „Vereindeutigung“ der Welt geführt – und damit zum Anwachsen von christlichen Fundamentalismen und islamischem Extremismus. Aber auch progressive Fundamentalismen drängen heute zunehmend auf Eindeutigkeit: In den USA etwa verleiht eine christliche Internetplattform Gütesiegel an christliche Gemeinden. Bewertet wird, wie eindeutig sich Gemeinden in Fragen der Geschlechtergleichheit und sexuellen Freizügigkeit positionieren. Von „rot“ (keine öffentliche Stellungnahme) über „gelb“ (unklare Stellungnahme) bis „grün“ (verifizierte Klärung) reichen die Benotungen und per Twitter und Email können Nutzer Gemeinden zur Überprüfung durch ein Komitee von Freiwilligen vorschlagen. „Ambiguität ist schädlich“, lautet der Slogan auf der Webseite.

Einander aushalten

Manche Christen verwechseln allerdings Ambiguitätstoleranz mit Pluralismusfähigkeit: Im Namen von Nächstenliebe und christlicher Einheit wird dann dazu ermahnt, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten in der Gemeinde um jeden Preis auszuhalten, auch wenn es schwerfällt. Das aber ist nicht Ambiguitätstoleranz, sondern Pluralismusfähigkeit. Beides ist wichtig, aber man sollte es nicht verwechseln:

Das erste ist die Fähigkeit, in mir selbst Mehrdeutigkeiten auszuhalten, ohne sie in die eine oder andere Richtung aufzulösen. Das zweite dagegen ist die Fähigkeit, den anderen zu ertragen, auch wenn er eindeutig anders denkt als ich. Im Bild gesprochen: Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, nicht auf einer Seite vom Pferd zu fallen. Pluralismusfähigkeit ist die Bereitschaft, auch dann noch zusammen weiterzugehen, wenn man auf unterschiedlichen Seiten vom Pferd gefallen ist. Ambiguitätstoleranz erträgt das eigene Gefühl, keine eindeutige Antwort zu haben. Pluralismus dagegen erträgt den anderen, dessen Antworten sich von meinen eindeutig unterscheiden. Mit anderen Worten: Je weniger Ambiguitätstoleranz in einer Gemeinde herrscht, desto mehr Pluralismusfähigkeit wird sie brauchen. Mangelnde Ambiguitätstoleranz führt zu Polarisierung und Einseitigkeiten. Und dann ist Pluralismusfähigkeit vonnöten.

Das erste ist die Fähigkeit, in mir selbst Mehrdeutigkeiten auszuhalten, ohne sie in die eine oder andere Richtung aufzulösen. Das zweite dagegen ist die Fähigkeit, sich gegenseitig zu ertragen, gerade dann, wenn man sich eindeutig für die eine oder andere Richtung entschieden hat. Ambiguitätstoleranz erträgt das eigene Gefühl, keine eindeutige Antwort zu haben. Pluralismus dagegen erträgt den anderen, dessen Antworten sich von meinen eindeutig unterscheiden. Mit anderen Worten: Je weniger Ambiguitätstoleranz in einer Gemeinde herrscht, desto mehr Pluralismusfähigkeit wird sie brauchen. Weil mangelnde Ambiguitätstoleranz zu Polarisierung und Meinungsverschiedenheiten führt.

Der Unterschied zwischen beiden wird deutlich, wenn wir noch einmal zu den Beispielen vom Anfang zurückkehren: Im Blick auf die Beispiele vom Anfang bedeutet das: Ambiguitätstoleranz sagt, „Gnade und Recht, Selbstverantwortung und Gebote, gewaltlose und gewaltsame Bilder von Gott, Segen und Fluch des Reichtums gehören zusammen, wir sollten können sie nicht voneinander trennen und müssen diese Spannung aushalten“. Pluralismus dagegen sagt: „Der eine glaubt an einen gnädigen Gott, der andere an einen gerechten. Der eine an Selbstverantwortung, der andere an Gebote. Der eine an Gewaltlosigkeit, der andere an Gewalt. Der eine predigt Wohlstand, der andere Armut. Hauptsache, wir bleiben zusammen. Diese Spannung müssen wir aushalten.“

Oder doch besser abgrenzen?

Spätestens an diesen Beispielen jedoch wird deutlich, dass allenfalls ein schlechtes Zerrbild von Pluralismus so aussehen würde. Zweifellos brauchen wir als Christen ein gutes und gesundes Maß an Pluralismusfähigkeit. Aber ebenso zweifellos hat die Meinungsvielfalt ihre Grenzen, auch innerhalb der christlichen Gemeinde. „Wo es notwendig ist, Einheit. Wo es nicht notwendig ist, Freiheit. In beiden Fällen aber Liebe“, so lautet ein oft zitierter Leitspruch der Aufklärungszeit. Allerdings löst der das Problem gerade nicht, sondern beschreibt es nur: Denn die eigentliche Herausforderung besteht dann darin, das Notwendige vom nicht Notwendigen zu unterscheiden.

In Holland etwa machte im Jahr 2010 der Fall eines Pfarrers Schlagzeilen, der regelmäßig von seiner Kanzel herab verkündigte, es gäbe keinen Gott. Jedenfalls nicht den, den die christliche Kirche verkündige und von dem im Glaubensbekenntnis die Rede sei. Die oberste Kirchenleitung beschäftigte sich auf Nachfragen der Presse mit dem Fall und kam zu dem Ergebnis: So viel Meinungsvielfalt müsse man in der Kirche schon ertragen. Die hessische Kirchenleitung entschied unlängst, dass es nicht notwendig sei, als Pfarrer an den Sühnetod Jesu zu glauben. Schließlich fänden sich im Neuen Testament viele verschiedene Deutungen des Todes Jesu, davon dürfe sich jeder die aussuchen, die ihm gefällt. Und andere getrost fallen lassen. Wie weit also geht die Pluralismusfähigkeit?

Natürlich hat auch in der evangelischen Kirche der Pluralismus seine Grenzen. Aus meiner Ausbildungszeit als Pfarrer erinnere ich mich noch, dass meine Kolleginnen und Kollegen immer bereit waren, für die Meinungs- und Glaubensfreiheit in der Kirche einzutreten, ganz egal wie extrem die Tabubrüche waren. Nur wenn es um Charismatiker oder Fundamentalisten ging, dann war plötzlich die Rede vom „Wächteramt“ der Kirche und von der seelsorgerlichen Verantwortung. So etwas dürfe man deshalb natürlich in der eigenen Kirche nicht zulassen.

Das vollständige Bild behalten

Was also ist richtig? Einheit um jeden Preis, auch wenn es wehtut? Oder kompromisslose Abgrenzung? Der Blick ins Neue Testament liefert leider (oder zum Glück …) nur eine uneindeutige Antwort. Ambiguitätstoleranz ist auch hier wieder gefragt. Natürlich besaß Jesus eine Weite, die für manche seiner Gegner zu weit ging. Er heilte am Sabbat (Mt 12,13) und für seine Gegner war eindeutig klar: Dieser Mensch achtet Gottes Gebote nicht! Für viele Christen heute ist es ebenso eindeutig: Für Jesus war die Liebe eben wichtiger als das Gebot.

Die Wirklichkeit aber ist weit weniger eindeutig: Die Tora sagt nämlich gar nichts zu dieser Frage. Jesus hat hier kein Gebot gebrochen, sondern die Spielräume genutzt, die die Ambiguität der Schrift ihm bot. In anderen Fällen, in denen die Schrift klarer ist, konnte Jesus dagegen sehr wohl klare Grenzen ziehen zwischen Gut und Böse (Mt 15,19), zwischen Drinnen und Draußen (Lk 13,25), zwischen ewigem Leben und Verdammnis (Mt 7,13). Jesus lässt sich nicht vereindeutigen. Bei ihm finden überraschende Weite und anstößige Klarheit zusammen. Man kann sich nicht nur die Seiten an ihm aussuchen, die einem gefallen. Ambiguitätstoleranz bedeutet, das vollständige Bild zu behalten, und nicht nur die wenigen Mosaiksteinchen, die ins eigene Bild hineinpassen.

Wenn ich auf die Geschichte der Kirche zurückblicke, dann bin ich froh, dass es beides gab: den Mut, Vieldeutigkeit auszuhalten und Einheit zu wagen, wo andere unnötige Grenzen setzten. Angefangen von Paulus in Antiochia (Gal 2,11-17) über die großen Konzile der alten Kirche bis hin zu den Müttern und Vätern der Evangelischen Allianz. Und andererseits bin ich auch dankbar für den Mut, getrennte Wege zu gehen, wo andere mit Hurrageschrei den Gleichschritt in die falsche Richtung forderten. Angefangen von Paulus in Jerusalem (Gal 2,1-10) über Reformation und Bekennende Kirche bis hin zu den Initiatorinnen und Initiatoren der Lausanner Bewegung mit ihren missionarischen Impulsen.

Von den jüdischen Rabbis möchte ich deshalb zweierlei lernen. Erstens: Es mag siebzig verschiedene Gesichter der Tora und viele verschiedene Funken geben, die dem Fels entspringen. Diese Ambiguität sollten wir schätzen und feiern. Aber alle diese Funken entstammen immer noch dem einen Fels. Nur was diesem Fels entspringt, verdient deshalb bei aller Vielfalt am Ende den Titel „Worte des lebendigen Gottes“. Und zweitens: Es ist die Summe der Funken und Gesichter, in der Gott zu uns redet. Nicht nur mein Lieblingsfunke oder das Gesicht, das am besten zu mir passt. Ambiguitätstoleranz heißt: Die vielen Funken und die vielen Gesichter in ihrer Vielfalt zusammenhalten anstatt sie gegen einander auszuspielen. Auch wenn es schwerfällt …

 

Schwarz-weiß oder rosarot?
Ambiguitätstoleranz und Pluralismusfähigkeit als geistliche Herausforderung
In: Aufatmen 3/2019, S. 26-29
01.08.2019

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