Bibelschwurbel und Bibelkritik. Teil 4: Die Ängste verstehen

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Bibelschwurbel und Bibelkritik. Teil 4: Die Ängste verstehen

Corona-Verschwörungen, Populismus und unser Umgang mit der Bibel (Teil 4)

Warum sind Menschen bereit, eigenartigen Theorien ihren Glauben zu schenken, auch wenn sie mit einem einfachen Faktencheck leicht widerlegt werden können?

Weil es meistens nicht einfach nur um Fakten oder Argumente geht, sondern um etwas viel tieferes. Es geht um Menschen, ihre Ängste, ihre Wut und ihre Unsicherheit. Und Verschwörungstheorien sind eine Strategie, den eigenen Ängsten aus dem Weg zu gehen und für die eigene Wut eine Zielscheibe zu finden.

Bevor ich deshalb in dieser Serie genauer auf Kennzeichen und Methoden von Bibelgeschwurbel eingehe, möchte ich zwei Folgen dazwischenschalten, in denen es um die tieferliegenden Motive gehen soll. Was treibt Menschen an, die geschwurbelten Bibelauslegungen folgen und was treibt sie in die Arme von solchem Bibelschwurbel? Es wird jetzt also vielleicht ein bisschen gefühlig und nicht so bibelwissenschaftlich, aber das ist eben auch wichtig.

Ein Blick auf die großen Verschwörungsmythen der letzten Monate hat gezeigt: Es gibt vor allem zwei Grundmotive, die die Menschen bewegen: Angst und Wut.

Angst vor Veränderung, Angst in der Krise. Und Wut auf die, die daran schuld sind. Wut auf die, die uns alle dumm halten wollen. In dieser Folge möchte ich über die Ängste von Bibelschwurblern reden.
Und in der nächsten dann über die Wut von Bibelschwurblern.

Was sind das für Ängste die dahinterstehen, wenn sich Menschen in abenteuerliche Bibelauslegungen flüchten, auch dann noch, wenn der Faktencheck zeigt, dass sie Unsinn sind? Ich glaube es ist auch hier, wie bei den meisten Verschwörungstheorien, die Angst vor Veränderung. Die Angst in Krisenzeiten.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, wenn Menschen sich mit einer Krise konfrontiert sehen. Wenn Dinge sich plötzlich verändern. Menschen haben Angst vor dieser Krise, aber anstatt sich mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen, fliehen sie in erfundene Welten.

Es ist ein bisschen so wie der Vogel Strauß, dem man nachsagt, er würde den Kopf in den Sand stecken, um nicht gesehen zu werden. Was sind das für Ängste, die Menschen im Umgang mit der Bibel zu solchen Strategien greifen lassen?

Bibelschwurbler stammen oft aus einem gemeindlichen Hintergrund, in dem die Bibel sehr hoch geschätzt wird. Sie selbst haben jahrelang mit der Überzeugung gelebt, dass die Bibel, und vor allem die Worte Jesu, erstens sehr vertrauenswürdig sind und zweitens auch eine hohe Autorität haben.

Viele Menschen beginnen aber irgendwann, diese Überzeugungen in Frage zu stellen und kritisch zu hinterfragen. Sie geraten in eine Krise, weil sich vieles verändert. Um sie herum und auch in ihnen selbst. Das ist eigentlich gut und wichtig, denn ein mündiger Glaube soll ja nicht einfach blind übernehmen, was andere sagen, sondern es selbst überprüfen und reflektieren.

Aber was tun, wenn man plötzlich merkt: Ich kann vieles nicht mehr glauben, was da steht? Selbst dann, wenn Jesus selbst es gesagt hat. Oder zumindest nach dem Zeugnis der Bibel gesagt haben soll.

Menschen, die aus einem bibeltreuen Hintergrund stammen, stehen dann plötzlich vor einem inneren Dilemma: Einerseits können sie und möchten sie vieles nicht mehr glauben, was da in der Bibel steht. Auch dann, wenn Jesus selbst es gesagt hat. Andererseits aber möchten sie sich auch nicht einfach von der Bibel lossagen, wie es so viele andere tun und schon längst aus Überzeugung getan haben.

Man schaut auf der einen Seite mit Zorn und Wut zurück auf diejenigen, die immer noch so glauben wie man selbst das früher getan hat und mit denen man sich irgendwie noch verbunden fühlt.

Und man schaut auf der anderen Seite mit Neid und Sehnsucht auf die, die schon längst einen Schritt weiter gegangen sind und sich offen von der Bibel oder vom Glauben losgesagt haben. Oder zumindest von einzelnen Aussagen der Bibel.

Ein Schritt, den man früher immer gefürchtet und bekämpft hat, den man aber inzwischen selbst als notwendig ansieht. Das alte möchte man nicht mehr, für das neue ist man aber auch noch nicht bereit. Man hat Angst vor der eigenen Vergangenheit und gleichzeitig Angst vor der eigenen Courage.

Und so bleibt man in einer Art Zwischenwelt hängen: Man möchte sich selbst einreden, dass man sich noch nicht von der Bibel verabschiedet hat, sondern sie nur „anders, neu und kreativ auslegt“. Man bezeichnet sich selbst als Bibeltreu, aber eben als „anders Bibeltreu“, als „wirklich Bibeltreu“, die anderen dagegen als nur scheinbar Bibeltreu. Man spricht davon, dass man die jetzt Bibel ernst nimmt, aber nicht mehr wörtlich. Und man sucht nach bisher unbekannten, neuartigen Auslegungen von Bibeltexten, die das irgendwie ermöglichen. Man sucht einen dritten Weg zwischen Annahme und Ablehnung der Bibel.

In dem Fallbeispiel, um das es in dieser Serie geht, ist das die Theorie, dass Jesus nie wirklich von der Hölle geredet hat, sondern nur von einer Müllhalde außerhalb Jerusalems. Man löst sich also nicht von dem, was Jesus sagt. Man deutet es nur ganz anders – auch wenn es gegen alle historischen Fakten ist.

Wenn man einmal diese existentielle Not verstanden hat, die Menschen in solche Bibelschwurbelei hineinführt, dann ist klar, warum Fakten oder Argumente hier wenig ausrichten. Und warum man die Sache nur schlimmer macht, wenn man anfängt, zu argumentieren.

Stattdessen sollte man fragen, was solchen Menschen wirklich hilft: Wirklich hilft eine ehrliche, kritische Auseinandersetzung mit den Bibeltexten und eine ehrliche, kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Nöten. Mit den Ängsten und der Wut, die uns den Blick verstellt. Wirklich helfen kann nur die Einsicht, dass diese Zwischenwelt zwischen Treue zur Bibel und Trennung von der Bibel letztlich nur eine Flucht ist, bestenfalls für eine Übergangsphase.

Ein wirklich kritischer Umgang mit sperrigen Bibeltexten kann aber auf Dauer nicht darin bestehen, sie irgendwie schwurbelig wegzuerklären oder kreativ umzudeuten. Ein erwachsener mündiger Umgang stellt sich diesen Texten, auch wenn sie sperrig sind. Und er findet zu einer Entscheidung, ob man sich von diesen Texten bewusst trennen oder ob man sie weiterhin, auf eine reflektierte Weise, in den eigenen Glauben integrieren möchte.

Eine mündige und bewusste Ablehnung der Bibel oder eine mündige und bewusste Annahme der Bibel. Für beides kann es gute und nachvollziehbare Gründe geben. Beides kann die Konsequenz eines sachlichen, reflektierten, kritischen Bibellesens sein.

Aber abenteuerliche Theorien, die an den Falten vorbei die Texte kreativ umerklären, sind letztlich keine Lösung. Sie sind eine Flucht vor der eigenen Geschichte, eine Flucht vor der Entscheidung und letztlich eine Flucht vor der Bibel.

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