Bibelschwurbel und Bibelkritik. Folge 8: Die Magie der Zahlen

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Bibelschwurbel und Bibelkritik. Folge 8: Die Magie der Zahlen

Ich habe in der Corona-Zeit einige überraschende Parallelen entdeckt zwischen der Art und Weise, wie Verschwörungstheoretiker mit Fakten und Meinungen umgehen und der Art und Weise, wie manche Menschen mit der Bibel umgehen.

Heute geht es um die Rolle, die Zahlen und Statistiken bei solchen verschwurbelten Theorien spielen.

Zahlen faszinieren Menschen. Vor allem, weil sie so nüchtern und unbestreitbar scheinen. Deshalb arbeiten auch Verschwörungstheoretiker gerne mit Zahlen und Statistiken. Jetzt in der Corona Zeit sind es oft die Zahlen der Infizierten oder tatsächlich gestorbenen Patienten, oder die Anzahl der Ärzte und Mediziner, die eine abweichende Meinung vertreten.

Aber auch bei anderen Theorien spielen Zahlen eine wichtige Rolle: Kriminalitätsstatistiken, Meinungsumfragen, Flüchtlingszahlen und anderes. Natürlich weiß man eigentlich, dass es bei Zahlen und Statistiken immer darauf ankommt, welche Zahlen man auswählt, welche Zahlen man mit einander vergleicht und welche Schlüsse man daraus zieht. Aber irgendwie verfehlen nackte Zahlen trotzdem selten ihre Wirkung.

Auch bei der Bibelauslegung werden Zahlen manchmal plakativ eingesetzt, um inhaltliche Aussagen zu machen. Vor allem in Kreisen, in denen die Bibel wertgeschätzt wird, kann man zum Beispiel dadurch Eindruck machen, dass man Bibelverse zählt.

In dieser Serie habe ich mir ja als Anschauungsbeispiel die Frage ausgesucht, ob Jesus den Menschen mit der Hölle gedroht hat oder ob das alles nur ein großes Missverständnis ist, weil wir unsere Bibel bisher falsch gelesen und falsch verstanden haben.

Falls ihr die ersten Folgen dieser Serie noch nicht gesehen habt, dann empfehle ich euch, wenigstens Folge eins bis drei anzuschauen, damit ihr wisst, wovon ich rede.

Heute geht es ja um die Magie der Zahlen.

Dafür habe ich wieder ein Zitat aus Rob Bells Buch über Himmel und Hölle mitgebracht. Er beginnt seinen Überblick über neutestamentlicher Aussagen zur Hölle so:

„Nun zum Neuen Testament. Der entsprechende Ausdruck für Hölle ist so etwa ein Dutzend Mal im Neuen Testament gebraucht, fast ausschließlich von Jesus selbst.“ (S. 78)

Nachdem er die zwölf Stellen zitiert hat, schließt er mit den Worten:

„Also dann. Das war’s. das sind alle Stellen, an denen in der Bibel die „Hölle“ genannt wird. (…) Alles, was du jemals über die Hölle gehört hast, hat man aus diesen eben gelesenen Versen abgeleitet“ (S. 79).

Was? Zwölf Bibelverse nur? Und darauf gründet sich die ganze christliche Lehre von der Hölle? Als unvoreingenommener Leser ist man da erstmal überrascht. Zwölf Verse, das klingt ziemlich mickrig, im Vergleich zur ganzen Bibel mit ihren ungefähr 30.000 Versen. Da scheint das mit der Hölle ja ein ziemlich unwichtiges Thema zu sein. Das denkt man und man soll es sicher auch denken, sonst würde Rob Bell diese Zahl nicht an den Anfang stellen.

Nun ist das mit den Zahlen und Statistiken aber so eine Sache. Das sehen wir nicht nur bei den Verschwörungstheorien, sondern auch hier bei der Bibelauslegung.

Kann man wirklich aus der Anzahl von Bibelstellen auf die Wichtigkeit ihres Inhalts schließen? Denken wir den Gedanken mal ein bisschen weiter. Ob zwölf Bibelverse zu einem Thema viel oder wenig ist, kann man ja nur herausfinden, wenn man es mit irgendetwas vergleicht. Zum Beispiel kann man fragen, wie oft denn die Nächstenliebe im Neuen Testament vorkommt. Das sind insgesamt 9 Mal. Bei Jesus sogar nur 6 Mal. Soll man also daraus jetzt schließen, dass Jesus die Hölle doppelt so wichtig ist wie die Nächstenliebe? Das wäre absurd.

Oder nehmen wir eine andere Zahl: Ackerbau wird im Neuen Testament in über 200 Versen erwähnt. Ist Ackerbau deshalb zehnmal wichtiger als die Hölle oder zwanzig mal so wichtig wie die Nächstenliebe?

Man merkt sehr schnell, dass das Zählen von Bibelstellen zu einer sehr verschwurbelten Bibelauslegung führt. Entscheidend ist ja nicht, wie oft etwas erwähnt, wird, sondern was an den einzelnen Stellen jeweils gesagt wird und wie sie im Bezug zum Rest der Bibel stehen.

Viele zentrale Aussagen der Bibel finden wir zum Beispiel nur ein einziges Mal. Etwa, dass Gott die Welt liebt (Joh 3,16).

Sind zwölf Bibelstellen also wenig oder viel? Ich habe mir mal den Spaß gemacht, einige der wichtigsten Sätze aus dem christlichen Glaubensbekenntnis zu überprüfen anhand dieses Kriteriums der Bibelstellenanzahl.

Darin heißt es unter anderem:

  • Ich glaube an Jesus Christus, Gottes Sohn, unseren Herrn,
  • Empfangen durch den Heiligen Geist (2 Bibelstellen)
  • Geboren von der Jungfrau Maria (2 Bibelstellen)
  • Aufgefahren in den Himmel (2 Bibelstellen)
  • Er sitzt zur Rechten Gottes (4 Bibelstellen)

Was heißt das also nun? Alles unwichtig, weil es nur 2 oder 4 Bibelstellen gibt? Ist die Hölle wirklich fünfmal so wichtig, obwohl sie nicht einmal im Glaubensbekenntnis vorkommt? Das wäre wirklich eine schwurbelige Art, die Bibel auszulegen.

In der kritischen Bibelwissenschaft gilt daher der Grundsatz:

Die Wichtigkeit einer Sache kann man nicht an der Anzahl von Bibelstellen ablesen.

Das gilt schon deswegen, weil in den meisten Fällen überhaupt nicht klar ist, nach welchen Kriterien da überhaupt gezählt wird. Im Internet kann man zum Beispiel immer wieder die Behauptung lesen, dass sich in der Bibel 365 der Satz „Fürchte dich nicht“ findet, einmal für jeden Tag. Der Faktencheck zeigt: Diese Zahl ist reine Erfindung. Typisches Bibelgeschwurbel also. Etwa 70 mal kommt der Realität näher.

Bloße Zahlen sagen ohnehin wenig aus. Was zum Beispiel soll man mit der Zahl anfangen, dass über 2000 Verse in der Bibel von Schafzucht reden? Dass Gott die Schafzucht ganz besonders am Herzen liegt? Nein, sondern dass Schafzucht zur Zeit der Bibel einfach Teil des Alltags war. Eine theologisch bedeutsame Aussage ist das noch nicht. Die wird es erst dann, wenn ich mir genauer anschaue, was denn da über Schafzucht gesagt wird.

Auch hier gilt also: Wer Bibelverse zählt, um die Wichtigkeit eines Themas zu messen, der bewegt sich im Bereich der Bibelschwurbelei.

Am Ende landen wir also auch hier wieder da, wo wir schon in Folge drei dieser Serie angekommen waren.

Kritische Bibelforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Jesus den Menschen tatsächlich mit der Hölle gedroht hat. Daran ändert auch der Hinweis nichts, dass es nur elf Verse sind. Im Vergleich zur Nächstenliebe, die Jesus nur sechsmal erwähnt, ist elfmal sogar schon eine ganze Menge.

Für den kritischen Bibelwissenschaftler zählt aber nicht die Menge, sondern der Inhalt. Und der zählt auch dann, wenn er nur einmal erwähnt wird.

Und mehr noch als das: Kritische Bibelwissenschaftler sind sogar fest davon überzeugt, dass Paulus an die Hölle glaubte. Und das, obwohl er sie mit keinem Wort erwähnt. Für Bibelstellenzähler ist das eine überraschende Sicht der Dinge. Für historische Forscher völlig normal. Das zu erklären, dafür reicht aber heute die Zeit nicht mehr. Deshalb wird es in der nächsten Folge darum gehen, warum auch die Zahl Null eine wichtige Bedeutung haben kann.

Für heute aber bleiben wir bei der Einsicht, dass Jesus tatsächlich mit der Hölle gedroht ha. Auch wenn das eine unangenehme Einsicht ist. Daran ändern auch die Zahlen nichts.

Als kritischer Bibelleser stehe ich also am Ende wieder, wie schon in den letzten Folgen, vor einer Alternative: Ich kann das, was Jesus sagt, annehmen oder ablehnen, aber ich kann es durch das Bibelstellen zählen nicht wegerklären.

Beides, Annehmen oder Ablehnen, kann das Ergebnis von kritischem Bibellesen sein. Beides, Annehmen und Ablehnen, sollte nicht unbedacht, sondern reflektiert geschehen. Ein paar Ideen, wie kritische Theologen heute den Gedanken der Hölle annehmen und aufnehmen, findet ihr in dem Artikel „Hölle“ auf WiReLex, dem wissenschaftlichen Lexikon für Religionspädagogik im Internet.

Aber auch das bewusste Ablehnen kann eine reflektierte und bewusste Entscheidung sein, die man ernstnehmen und respektieren sollte.

Wenn man allerdings versucht, sperrige Bibeltexte allein durch das Zählen von Bibelstellen aus dem Weg zu räumen, dann befindet man sich nicht mehr im Bereich seriöser Bibelkritik, sondern im Bereich unseriösen Bibelschwurbelns.

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