Bibelschwurbel und Bibelkritik. Teil 1: Ein wichtiger Unterschied

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Ich liebe den kritischen Umgang mit der Bibel. Und ich versuche meine Studierenden, wenn immer es möglich ist, für einen kritischen Umgang mit der Bibel zu begeistern. Unser Wort „Kritik“ leitet sich aus dem griechischen Wort „krino“ ab, was so viel bedeutet wie: genau unterscheiden und ein Urteil fällen. Wir müssen beim Bibellesen kritisch unterscheiden zwischen dem, was wirklich da steht und dem, was wir gerne lesen würden. Zwischen dem, was da steht und dem, was die christliche Tradition lehrt. Wir müssen auch kritisch unterscheiden, wem das, was da steht, gilt: In welcher Zeit wurde es geschrieben, an wen wendet es sich, unter welchen Umständen? Wir müssen kritisch unterscheiden zwischen dem, was auch für uns gilt und dem, was für uns nicht gilt. Das alles tut die kritische Bibelwissenschaft.

Es gibt aber auch das andere: Bibelgeschwurbel.

Ich habe lange Zeit nicht genau greifen können, warum mich manche Kritik an Bibel und Glauben überzeugt oder zumindest zu einer konstruktiven Auseinandersetzung herausfordert, auch dann, wenn ich sie inhaltlich nicht teile. Und warum es eine andere Art von Kritik gibt, die in mir ganz andere Gefühle weckt, manchmal eher belustigte, manchmal ernsthaft besorgte.

Die Corona-Zeit hat mir hier geholfen, diesem Phänomen näher auf die Spur zu kommen.

Wir haben uns in den Monaten der Corona-Zeit intensiver mit dem Phänomen der Verschwörungstheorien beschäftigt. Auch deshalb, weil es so viele Verschwörungstheorien rund um Corona gibt. Und wir haben beobachtet: Es gibt seriöse medizinische Forschung und auch seriöse medizinische Auseinandersetzung um Einzelfragen der Ursachen und Methoden der Vorbeugung. Es gibt auch seriöse politische Auseinandersetzungen um die Frage, wie man am besten mit dem Virus umgeht, welche Maßnahmen sinnvoll und welche unsinnig sind.

Aber dann gibt es eben auch Corona-Geschwurbel: Kritik an Medizinern und an Politikern, die überhaupt nichts mit fachlicher Auseinandersetzung zu tun hat. Sondern mit erfundenen und verdrehten Fakten, mit verschrobenen Weltbildern und Feindbildern und auch mit eigenartigen Methoden medialer Manipulation.

Man kann versuchen, solchem Geschwurbel mit einfachen Faktenchecks entgegenzutreten, aber man merkt, dass das bei denen, die dem Geschwurbel folgen, überhaupt keine Wirkung hat. Fakten spielen keine Rolle, solange die Geschichte spannend ist und das Weltbild bestätigt.

Genau so gibt es auch einen Umgang mit Bibeltexten, der sich als wissenschaftlich und kritisch ausgibt, aber sich bei näherem Hinsehen als Schwurbelei entpuppt. Zum Beispiel, wenn man einen einfachen Faktencheck vornimmt. Natürlich bleibt der auch hier ohne Wirkung. Denn für einen Bibelschwurbler sind Fakten immer Ansichtssache, und natürlich immer schon durch meine Brille und mein Weltbild manipuliert.

Ich möchte in ein paar Beiträgen an dieser Stelle versuchen, die Unterschiede aufzuzeigen zwischen seriöser Bibelkritik und unseriöser Bibelschwurbelei. Natürlich wird ein Bibelschwurbler, wie jeder gute Verschwörungstheoretiker, schon diese Einteilung in „seriös und unseriös“ als Teil der Verschwörung abtun. Es ist ja immer eine Frage der Brille, wird er sagen. Seriös ist immer das, was man selbst glaubt. Und unseriös sind immer die anderen.

Ich möchte dennoch versuchen, diesen Unterschied greifbarer zu machen.

Als Beispiel nehmen wir eine einfache Frage:

„Hat Jesus den Menschen mit der Hölle gedroht?“

Eine unangenehme und unpopuläre Frage. Aber gerade deshalb so geeignet für Verschwörungstheorien.

Die traditionelle kirchliche Antwort, quer durch alle Konfessionen, lautet: „Ja, natürlich. Und deshalb muss auch die Kirche von der Hölle reden, selbst wenn es ihr und anderen unangenehm ist und schwer fällt.“

Die Antwort der modernen kritischen Bibelwissenschaft ist natürlich komplexer. Aber mehrheitlich lautet sie: „Ja, natürlich. Nach allem, was wir wissen und vermuten können, hat Jesus mit der Hölle gedroht. So wird es zumindest in den Quellen erzählt, und in diesem Fall ist es sogar historisch wahrscheinlich, dass diese Quellen recht haben. Aber Jesus war in einem antiken jüdischen Weltbild verhaftet, das wir heute nicht mehr teilen können. Deshalb sollte die Kirche heute nicht mehr von der Hölle reden.“

Beide Antworten werden heute in den Kirchen öffentlich vertreten und beide sind in sich seriös begründet und nachvollziehbar. Am Ende ist es eine Glaubensentscheidung, ob man Aussagen Jesu auch heute für verbindlich hält oder ob man sich von ihnen lossagt. Eine Übersicht über unterschiedliche Versuche, heute verantwortlich mit den biblischen Aussagen über die Hölle umzugehen, findet ihr z.B. im wissenschaftlich-religionspädagogischen Lexikon (WiReLex) im Internet.

Die Antwort des Bibelschwurblers dagegen folgt keinem dieser beiden Wege: Weder möchte er die traditionellen kirchlichen Lehren über die Hölle übernehmen, noch möchte er die Worte Jesu über die Hölle einfach streichen oder ablehnen.

Stattdessen bietet er einen überraschenden dritten Weg. Nämlich eine alternative Bibelauslegung:

„Nein, Jesus hat natürlich nie mit der Hölle gedroht. Wir haben die Bibel nur alle bisher falsch gelesen und missverstanden. Sowohl die alte Kirche als auch die moderne Bibelwissenschaft irrt. Aber es gibt einen Weg, wie wir sowohl die Bibel ernstnehmen als auch die Rede von der Hölle ablehnen können.“

Wie man als Bibelschwurbler auf so eine Idee kommt und mit welchen Methoden man sie populär macht, darauf möchte ich in den nächsten Folgen einen Blick werfen.

 

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