Psalm 122: Gebet für Jerusalem

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1 Ich freute mich, als sie zu mir sagten:

»Wir wollen zum Haus des Herrn gehen!«

2 Nun stehen wir hier in deinen Toren, Jerusalem.

3 Jerusalem ist eine herrliche Stadt,

in wunderbarer Schönheit angelegt.

4 Alle Stämme Israels, die Stämme des Herrn,

kommen als Pilger hierher.

Sie kommen, um den Namen des Herrn zu loben,

wie das Gesetz es vorschreibt.

5 Hier stehen die Throne,

von denen Recht gesprochen wird,

die Throne des Königshauses David.

6 Betet um Frieden für Jerusalem!

Gut gehen soll es allen, die dich lieben.

7 Friede herrsche in deinen Mauern, Jerusalem,

und Wohlstand in deinen Palästen.

8 Um meiner Familie und meiner Freunde willen

sage ich: »Friede sei mit dir.«

9 Um des Hauses des Herrn willen, unseres Gottes,

will ich dein Bestes suchen, Jerusalem.

 

Wie oft haben wir diesen Psalm schon gebetet – zusammen mit Menschen, deren Füße ganz buchstäblich gerade die Tore Jerusalems durchschritten hatten! Das Haus, in dem meine Frau und ich seit einigen Jahren leben, liegt im Herzen der Altstadt Jerusalems, direkt am alten Pilgerweg, der „Via Dolorosa“, auf der man sich an den Weg Jesu zum Kreuz erinnert. Tausende von Menschen strömen hier täglich durch die Tore Jerusalems. Und sie folgen damit einer alten Tradition, die zurückreicht bis zu diesem Psalm in der Bibel: Er ist das fröhliche Lied eines Pilgers, der sich aufmacht auf den Weg nach Jerusalem.

Aber dieser Psalm ist natürlich viel mehr als eine Einladung zur „Reise nach Jerusalem“. Er ist vor allem eine Einladung zum Gebet für Jerusalem. Viele Christen machen sich dieses Gebet schon heute regelmäßig zu eigen. Anderen jedoch ist das fremd, und sie fragen: Gilt diese Aufforderung zum Gebet für Jerusalem auch heute noch? Ist Jerusalem nicht unwichtig geworden, spätestens seitdem Jesus seine Jünger in alle Welt sandte? Ist hier nicht die Gefahr frommer Schwärmerei oder politischer Blauäugigkeit?

Wenn wir den Spuren folgen, die dieser Psalm legt, dann finden wir heraus: Das Gebet für Jerusalem und der Weg nach Jerusalem sind heute ebenso aktuell wie in den Tagen, als der Psalm geschrieben wurde. Und sioe sollten Teil eines normalen Christenlebens sein. Ich lade sie daher ein, sich einmal auf diesen Psalm einzulassen. Auch denn, wenn sie sich bisher nicht unbedingt zu den erklärten „Israel-Freunden“ rechnen. Worum geht es hier

Jerusalem – Brücke zur Vergangenheit

Die ersten Verse des Psalms lenken unseren Blick auf die Vergangenheit, auf Gottes große Geschichte mit dieser Stadt: Hier liegt das Zentrum des alten Bundesvolkes Israel, gegründet auf drei wichtigen Säulen: Der Lobpreis Gottes im Tempel, das Gesetz vom Sinai und das Königreich des Hauses David. Hier finden wir die Grundlagen, auf denen auch unser Glaube steht.  Und wer denkt, dass diese Grundlagen durch Jesus abgeschafft wurden, der irrt sich. Denn Jesus hat jede Einzelne davon in seiner eigenen Person bestätigt: Er selbst ist der wieder aufgebaute Tempel, in seinem Blut wird der alte Bund vom Sinai erneuert, und er selbst ist der Sohn Davids, der König im Königreich Gottes. Jesus trennt uns nicht vom alten Bundesvolk, sondern er verbindet uns mit ihm. Im Laufe ihrer Geschichte hat die christliche Kirche zwar immer wieder versucht, sich selbst abzuschneiden von dieser ihrer Herkunft. Aber wer sich von seinen Wurzeln löst, der verliert nicht nur den Halt, sondern auch die Verbindung zur Quelle. Wir haben daher nicht nur Leid, Verfolgung und Vernichtung über das jüdische Volk gebracht, sondern auch uns selbst unseres geistlichen Erbes beraubt. Der Weg zurück nach Jerusalem kann daher ein ganz praktischer Schritt sein, die Verbindung zu den eigenen Wurzeln wieder neu zu suchen. Und das Gebet für Jerusalem ist ein wichtiger Weg, diese Verbindung wieder zu heilen. Es ist kein Gebet für eine ferne Stadt irgendwo im Osten, sondern ein Gebet für unsere eigene geistliche Heimat und Herkunft.

Jerusalem – Schlüssel zur Gegenwart

Die nächsten Verse des Psalms lenken unseren Blick auf die Gegenwart: „Betet um Frieden für Jerusalem!“. Diese alte Einladung scheint heute aktueller denn je. Der Konflikt um Jerusalem, mit allen seinen geistlichen, politischen und humanitären Facetten, scheint wie ein Brennglas, in dem alle großen Konflikte unserer Zeit in einem Punkt gebündelt werden: Die großen Religionen wetteifern hier um die Frage nach der Wahrheit. Die Grenze zwischen westlicher und orientalischer Welt läuft durch Jerusalem, ebenso wie die Grenze zwischen „Erster“ und „Dritter“ Welt. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Wenn hier einmal Frieden geschieht, dann wäre das ein Schlüssel für die Lösung so vieler Konflikte auf unserem Planeten.

Und dennoch erinnert uns dieser Psalm daran: Solch eine Lösung geschieht weder auf dem Schlachtfeld noch an Verhandlungstischen. Sie ist ein geistliches Geschehen, das erbeten sein will. Etwas größeres muss hier geschehen als nur die oberflächliche Einigung zwischen Menschen oder der Sieg des einen über den anderen: Eine tiefere Veränderung der Herzen ist nötig, eine Umkehr zu Gott, eine echte Versöhnung zwischen Menschen und Gott. Als Christen glauben wir daran, dass Menschen nur dann wirklichen Frieden finden, wenn sie Jesus finden. Deshalb ist das Gebet um den Frieden Jerusalems immer auch ein Gebet dafür, dass Menschen zu Jesus finden.

Wie kann man also beten für den Frieden Jerusalems, inmitten der all der Zerrissenheit und der Konflikte? Der Psalm hilft uns weiter: Unser Gebet sollte allen gelten, „die Jerusalem lieben“. Das schließt Freunde und Feinde ein, Täter und Opfer, Palästinenser und Israelis, Juden, Christen und Moslems in gleicher Weise. Zu viele christliche Gebete sind, wenn es um Israel geht, mehr durch einseitige Parteipolitik geprägt als durch die ernsthafte Suche nach Gottes Willen für dieses Land und seine Menschen. Das gilt für diejenigen, die jede politische Entscheidung Israels unterstützen wie für diejenigen, die sie ablehnen, in gleicher Weise. Und nicht selten schließen solche Gebete auch Hass, Anklagen und Aggression gegenüber denen ein, die man jeweils für die Bösewichte hält.

Wie anders dieser Psalm: Er fordert uns heraus, für alle zu beten, die Jerusalem lieben. Ganz gleich, ob wir sie auch lieben. Ganz gleich, ob sie auch uns lieben. Ganz gleich, ob sie ihre Gegner lieben. Ganz gleich, ob sie Gott lieben. Das Gebet um den Frieden von Jerusalem ist daher zuallererst eine Herausforderung an uns selbst, Grenzen und Feindbilder zu überwinden. Es setzt Versöhnlichkeit voraus bei uns selbst, noch bevor wir für die Versöhnung anderer beten.

Der große jüdische Lehrer des Mittelalters, Juda der Fromme, Begründer der chassidischen Bewegung und Zeitgenosse des Franz von Assisi, fasst diese Herausforderung so zusammen: „In Zeiten des Krieges sollten wir nicht um den Sieg der einen Seite über die andere beten, sondern für den Frieden: Darum, dass der Heilige, Gepriesen sei er, ihre Herzen verändere und sie den Frieden suchen.“ Das Gebet für Jerusalem ist keine Parteipolitik. Es ist ein Einstimmen in Gottes Herzenswunsch nach Frieden, der alle Grenzen von Parteien und Völkern überschreitet.

Jerusalem – Tor zur Zukunft

Der Psalm endet mit einem Gebet für die Familie und Freunde, und einem Ausblick auf das Haus Gottes. Damit nimmt er vorweg, was auch das letzte Buch der Bibel beschreibt: Das neue Jerusalem als die Wohnung Gottes, und eine Gemeinde aus Juden und Nichtjuden als seine Familie. Es scheint also nicht so, als würde  Jerusalem am Ende der Zeit seine Bedeutung verlieren. Natürlich, es gibt einen Unterschied zwischen dem himmlischen und dem irdischen Jerusalem, so wie es auch einen Unterschied gibt zwischen unseren irdischen Körper und unserem himmlischen Körper nach der Auferstehung. Dennoch gibt es zwischen beiden eine Identität und Kontinuität.

Unser Gebet für Jerusalem ist also auch ein Gebet für die Zukunft: Vor allem ist es ein Gebet für die Ausbreitung des Evangeliums und das sichtbare Kommen von Gottes Königreich. Schon heute gibt es in Jerusalem viele Gemeinden, in denen Menschen an Jesus glauben und ihm folgen: Juden und Araber, und mit ihnen zusammen Gläubige aus der ganzen Welt. Schon heute leben sie die Vision einer Gemeinde, wie sie das Neue Testament im Blick hat: Einer Gemeinde aus Juden und Nichtjuden, in der das Evangelium gepredigt wird und die das Beste für ihre Stadt suchen. Noch ist es ein langer Weg, bis diese Gemeinde wirklich zusammenwächst. Politische Gegensätze müssen ebenso überwunden werden wie gegensätzliche Traditionen und Glaubensweisen. Aber die Menschen sind auf dem Weg. Und es wird die Zeit kommen, in der das Licht des Messias ganz Jerusalem erfüllt, so wie es in der Offenbarung im 21. Kapitel beschrieben wird, und in der alle Völker der Welt, von diesem Licht angezogen, nach Jerusalem kommen.

Vielleicht haben Sie noch nie darüber nachgedacht, warum es unsere Aufgabe sein könnte, für Jerusalem zu beten. Vielleicht haben Sie sogar Angst davor, hier einer falschen Schwärmerei aufzusitzen. Dann lade ich Sie ein: Nehmen Sie sich diesen Psalm als einen Anfang. Folgen sie seinem Vorbild: Schauen Sie zurück auf die lange Segensgeschichte Gottes, die in Jerusalem ihren Mittelpunkt hat, und danken Sie Gott für das, was er in dieser Stadt für Sie und für die Welt getan hat. Schauen Sie sich um in der Gegenwart und beten Sie dafür, das von Jerusalem eine Botschaft des Friedens und der Versöhnung für die ganze Welt ausgeht. Und schauen Sie mit Jerusalem nach vorne, beten Sie für das Wachstum der Gemeinde in Jerusalem, für die Verbreitung des Evangeliums und für das Kommen des Reiches Gottes. Beten Sie für den Frieden Jerusalems!

Zitat:

„Er, der in der Höhe den Frieden schafft,

möge auch für uns Frieden schaffen

und für ganz Israel“

(Aus der jüdischen Liturgie)


Quelle: Ulrich Eggers (Hg.): Lobe, und du lebst, S. 190-194 – R.Brockhaus Verlag (Edition Aufatmen) 2008

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